Archiv der Hoffnung

Utopien haben keine besonders große Lobby. In Deutschland hat das mit der historischen Erfahrung zu tun, dass groß angelegte Gesellschaftsentwürfe in Katastrophen wie dem Zweiten Weltkrieg enden können. Es liegt aber auch an der Angst, die ausgemalte Szenarien bis heute verbreiten. Das nukleare Wettrüsten im Kalten Krieg, das Waldsterben, terroristische Anschläge, der Klimawandel, Jobverlust durch Digitalisierung – all das machte und macht wenig Lust auf die Zukunft. Von Utopien ganz zu schweigen.

Und angesichts des zum Teil irrwitzigen Nachrichtenzykluses scheint es auch angebracht zu sein, ganz bei sich zu bleiben. Wenn man nicht mal einschätzen kann, was die Welt nächste Woche bewegt, warum sollten wir uns dann mit Fragen beschäftigen, die unser Leben in 20, 50 oder 100 Jahren skizzieren? Auf Sicht fahren, irgendwie durch den Tag kommen und dann schauen, was der nächste bringt – das scheint momentan die attraktivere Strategie zu sein. Die ja auch von jemandem wie Angela Merkel vorgelebt wird.

Eine, die eine andere Vorstellung von Zukunftsgestaltung hat, ist Allison Düttmann. Die Deutsche ist 26 und forscht für das Foresight Institut in Palo Alto an den Folgewirkungen neuer Technologien. Allison war letzte Woche in Berlin auf der Konferenz »Hans & Marie«, wo ich sie kennengelernt habe, als sie ihre Arbeit und ihr Projekt »Existential Hope« vorstellte. Im Kern ist die Seite nicht viel mehr als eine Sammlung von Google-Docs, die in verschiedene Schlagworte eingeteilt sind: »Living Longer & Better«, »Environment & Energy«, »Art & Music«, »Bio & Nanotech«. Darin finden sich Links und Hinweise zu Büchern, Texten, Websites, Podcasts, Meinungen und Visionen – manche Rubriken sind besser gefüllt, andere weniger. Das Projekt ist noch am Anfang.

Die Idee ist aber charmant: Allison will ein Archiv der Hoffnung aufbauen und der Verdrossenheit entgegenwirken, die davon ausgeht, dass Zukunft nicht beeinflussbar ist. Das sei ein großer und heute leider zu weit verbreiteter Irrtum. »Wir denken häufig, dass die Evolution mit uns endet. Ich mag die Perspektive, dass es viel weiter geht«, sagt sie – und nennt als ihr Motto »Prototyping your Way to Utopia«. Ideen, Gedanken, Projekte und Unternehmungen, die zukunftstauglich sein könnten, gehören in diese digitale Bibliothek, die Relevanz wird sich dann im Laufe der Zeit zeigen. Durch Diskussionen und Ausprobieren.

Ist das naiv? Vielleicht. Trotzdem mag ich den Gedanken, zu dem auch gehört, dass jeder etwas beitragen kann, um das Archiv auf »Existential Hope« zu bereichern. Mal sehen, was draus wird.

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