Gern gelesen: “Daten – das Öl des 21. Jahrhunderts?”

Gut zwei Jahre ist es her, dass Malte Spitz etwas auffiel. Er war gerade in Asien, und auch dort verwendeten sie diese Metapher, die er bis dato nur aus Amerika und Europa kannte: Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts. Der Vergleich schien sich als zentrales Charakteristikum der Internetwirtschaft weltweit durchgesetzt zu haben. Aber stimmt er auch?

Viel scheinen die auf den ersten Blick sehr gegensätzlichen Begriffe nämlich nicht miteinander zu tun zu haben. Auf der einen Seite: die alte Welt, das Öl, dieser zäh fließende, fossil-dreckige Rohstoff, der nicht nachwächst und das Schmiermittel für die Macht autokratischer Herrscher ist. Auf der andere Seite: die Daten, die (im optimal Fall) mit Lichtgeschwindigkeit durch Glasfaserkabel rauschen, sich explosionsartig vermehren, für Transparenz sorgen und mit denen Start-ups etablierte Dickschiffe der Wirtschaft ins Wanken bringen. Die neue Welt eben.

Malte Spitz, Gadget-Fan, Aktivist und Netzpolitiker der Grünen, führte mehr als 100 Gespräche, um der Floskel nachzugehen. Er reiste durch Deutschland und die USA, besuchte Norden in Ostfriesland, wo das für die globale Kommunikation bedeutende Seekabel TAT-14 in die Tiefen des Meeres abtaucht, ebenso wie Wilhelmshaven, wo jährlich mehr als 20 Millionen Tonnen Rohöl gelöscht werden. Herausgekommen ist ein kluges Buch, mit dem der Autor zeigt, was wir aus der Öl-Vergangenheit für die Daten-Zukunft lernen können – und mit dem er dazu aufruft, sich in eben diese Gestaltung einzumischen. Denn in Teilen wiederholt sich gerade die Geschichte. Das Geschäft mit den Daten weist immer häufiger gesellschaftlich unerwünschte Parallelen auf.

Genau wie beim Öl sind die Gewinne durch das Datengeschäft gigantisch – allerdings für nur sehr wenige Menschen. Genau wie beim Öl umgibt Daten das Versprechen von großer Freiheit – und führt doch auch zu Unfreiheit und Menschenrechtsverletzungen, etwa wenn Unternehmen (oder der Staat) über das Smartphone in die Privatsphäre von Bürgern eindringen. Und genau wie beim Öl droht die große Abhängigkeit von Daten-Konzernen.

Kann man etwas dagegen tun?

Malte Spitz, Autor, Aktivist, Netzpolitiker bei Bündnis 90/Die Grünen (www.malte-spitz.de)

Ja, kann man. Noch, wie Spitz sagt. Wir sind an einer Weggabelung und müssen uns – die Politik ebenso wie die Bürger – schleunigst daran machen, auszuhandeln, welche digitale Zukunft wir uns wünschen und dafür eine „gute Regulierung“ finden, die präzise und zugleich offen und nicht innovationsfeindlich ist. Wobei er – sehr zurecht – darauf hinweist, dass „Innovationen“, die häufig nur technologisch verstanden werden, noch keinen „Fortschritt“ bedeuten, von dem die gesamte Gesellschaft profitiert. Das Tauschgeschäft, das man im zunehmend verdrahteten und verdateten Alltag des „Internet of Everything“ vornimmt, ist nämlich ein sehr einseitiges: Die persönlichen Daten, die Google, Facebook & Co. mit ihren Algorithmen und Künstlichen Intelligenzen sammeln und verknüpfen, sind ungleich mehr Wert als der Service, den die Unternehmen durch ihre Apps und Dienstleistungen zur Verfügung stellen.

Malte Spitz bleibt an einigen Stellen sehr vage, etwa wenn er von der Zukunft der Bildung spricht. Wie er diese organisieren würde, welche Qualifikationen in Schul-, Aus- und Fortbildung im 21. Jahrhundert überhaupt gelehrt werden müssen und wie wir mit den Menschen umgehen, deren geringere Fähigkeiten auf dem Jobmarkt aufgrund der Digitalisierung womöglich nie mehr gefragt sein werden, darauf gibt er keine Antworten. Seine 12-Thesen-Synopsis am Ende der knapp 250 Seiten fällt zum Teil auch sehr knapp aus. Und ökologische Fragen, die sich angesichts des Ressourcenhungers der digitalen Welt dringend stellen, bleiben auch weitgehend unerwähnt.

Aber: Der Autor zeigt unaufgeregt und unideologisch die grundsätzlichen Linien auf. Er spannt den Bogen von der Geschichte über die Wirtschafts- und Sicherheitspolitik bis hin zur Nachhaltigkeit, und er skizziert die Gefahren für unsere Demokratie. Das ist eine große Stärke. Denn einerseits bekommen Einsteiger einen gut lesbaren Überblick. Andererseits zeigt Malte Spitz, wie die einzelnen Themen miteinander verwoben sind und wie wichtig es ist, sie im Zusammenhang zu betrachten. Daran krankt nämlich so manche Debatte. Zu häufig wird die Digitalisierung auf Datenschutz und Breitbandausbau reduziert – in den Medien, Foren und Unternehmen –, und nachhaltige Fragen zum Beispiel bleiben auf der Strecke. Angesichts des hohen Tempos bei der Digitalisierung und der Marginalisierung von einstigen Geschäftsmodellen mag das verständlich sein. Man habe halt wichtigere Dinge, um die man sich jetzt kümmern müsse, lautet das gedachte Argument. Eine Lösung kann das aber nicht sein.

Malte Spitz
Daten – das Öl des 21. Jahrhunderts?
Hoffmann und Campe
16 Euro

(Das Aufmacherfoto habe ich bei Unsplash.com gefunden und stammt von Nick Jeffway)

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