Das Auto zum Fairphone

Die Automobilindustrie steht unter Druck. Nicht nur wegen der selbstverschuldeten Dieselaffäre, die kaum ein Ende zu finden scheint, sondern auch, weil die Digitalisierung neue Ideen der Mobilität und Nutzung von Verkehrsträgern hervorbringt. Über Jahrzehnte konnten sich die Autohersteller sicher sein, das Monopol auf Entwicklung, Produktion und Vertrieb von Fahrzeugen zu haben. Inzwischen aber gibt es Konkurrenz aus den unterschiedlichsten Ecken.

Zwei dieser Start-ups habe ich für den »Stern« dieser Woche besucht. Beide haben sich das Ziel gesetzt, Elektroautos zu einem niedrigeren Preis als die herkömmlichen Anbieter auf den Markt zu bringen. Das erste Unternehmen nimmt die Serienproduktion seines Stadtflitzers »e.Go Life« schon bald auf. Der Gründer dahinter ist der RWTH-Professor Günther Schuh, 59, der schon den »Streetscooter« entwickelt und, weil die herkömmliche Autoindustrie kein Interesse zeigte, die dafür gegründete Firma an die Deutsche Post DHL verkaufte. Die den Elektro-Lieferwagen nun wiederum selbst baut und weiterverkauft, weil die Nachfrage so groß ist. Seinen Kleinwagen hat Schuh eher wie eine Software entwickelt: »hochinterativ«, also ständig in kurzen Intervallen testend, was man noch anders und besser machen sollte.

 

 

Das zweite Unternehmen, Sono Motors, braucht noch ein wenig länger, um seinen »Sion« auf die Straße zu bekommen. Ende 2019, Anfang 2020 soll das Elektrofahrzeug, das die Luft im Innenraum mit Moos Luft filtert und mit Solarzellen für die Energiegewinnung überzogen ist, ausgeliefert werden. Die Geschichte der drei Gründer, die zwischen 23 und 29 sind, ist aber schon jetzt erstaunlich. Bei der Vorbereitung fühlte ich mich an die Macher des Fairphones erinnert (was sich im Gespräch bestätigte). Es gibt einige Parallelen:

  • Auch sie sind mit sehr wenig Know-how gestartet – das erste halbe Jahr lang nach ihrem Abitur tüftelten sie in einer Garage, bauten lediglich mit dem Wissen von Youtube-Videos einen alten »Twingo« zum Elektroauto um und ließen ihn vom TÜV zulassen.
  • Auch sie sind in einer Branche unterwegs, die bisher einen immensen Geldeinsatz voraussetzte, und sie machen ihre Defizite anderweitig wett. Statt mit festangestellten Ingenieuren und einer eigenen Fabrik gründen sie mit »Komponenten«, wie es Teekampagne-Gründer und Berater Günter Faltin nennt. Sie haben eine Idee und koordinieren dann die für die Umsetzung nötigen Gewerke, die sie extern einkaufen und beauftragen.
  • Auch sie setzen auf die Crowd, um sich zu finanzieren. Mehrere Crowdfunding- und Crowdinvestingkampagnen haben mehrere Millionen Euro zusammengebracht. Das war das Startkapital, um den Prototypen zu bauen und im zweiten Schritt weitere Partner und Gesellschafter an Bord holen zu können.
  • Auch sie entwickeln nicht jahrelang, sondern kommen mit ihren Zwischenschritten schnell an die Öffentlichkeit, um das Feedback ihrer Fans und Käufer abzufragen. Während klassische Autofirmen fünf, acht oder zehn Jahre lang entwickeln und testen und dann erst die (potenziellen) Käufer in ihre Pläne einweihen (mit einem fertigen Auto), fragen diese Gründer schon sehr viel früher: etwa danach, welche Farbe der Wagen haben soll, ob vorne drei statt zwei Sitzen gewünscht sind und andere Dinge.
  • Auch sie planen ein offenes Produkt, das man selbst reparieren können soll. Mit Hilfe von 3D-Druckern wird es Besitzern möglich sein, Einzelteile selbst zu konfigurieren oder nachzubauen wenn sie kaputt sind. Das gilt natürlich nicht für »Crash-relevante« Teile wie etwa ein Lenkrad – das muss man auch künftig auf herkömmlichem Weg kaufen und ersetzen lassen.

 

Die Gründer von Sono Motors Jona Christians, Navina Pernsteiner und Laurin Hahn (von links) beim Shooting mit Fotograf Christian Aeberhard auf dem Baseler Flughafen

 

Geht der Plan auf, wird der Wagen Teil der Energiewende: Er soll Strom erzeugen und diesen weiterverkaufen können. Mit der dazugehörigen App soll es auch möglich werden, den Wagen leicht an andere Nutzer ohne Auto zu vermieten. Nicht ihr Auto wird den Gründern zufolge im Vordergrund der künftigen Mobilität stehen, sondern das Smartphone des Besitzers, über das gesteuert wird, wie man von A nach B kommt.

Da ist es dann nur konsequent, dass auch die Präsentation des Autos anders aussieht. Während VW, BMW, Fiat und alle anderen auf Messen mit Hostessen aufwarten, habe ich die drei Gründer auf einem abgelegenen Parkplatz des Baseler Flughafens getroffen. Dort waren sie gerade und boten mit ihren beiden Prototypen Probefahrten für ihre Unterstützer und neuen Interessierten an. Einen Stand gab es nicht, stattdessen nur ein paar schwarze Sonnenstühle mit Firmenlogo, und alle trugen Jeans und Sneaker.

Bis der Wagen tatsächlich auf der Straße fährt, dauert es noch. Dass sie derzeit mit zwei Prototypen auf Werbetour durch Europa sind, bedeutet nicht, dass das Vorhaben letztlich auch gelingt. Und wenn der »Sion« in Serie produziert wird, dann erstmal nur in Stückzahlen, für die die herkömmlichen Hersteller ihre Maschinen gar nicht erst anwerfen würden. Momentan sind sie aber auf einem guten Weg zu zeigen, dass man ein (nachhaltiges) Auto auch ganz anders entwickeln und fertigen kann, als wir es bislang gewohnt sind.

Schreibe einen Kommentar