Gerne gelesen: »Der blinde Fleck der Digitalisierung«

Deutschland hat jetzt einen Digitalrat. Vier Frauen und sechs Männer, die die Bundesregierung bei »wichtigen Themen der Digitalisierung« beraten sollen. Ende August hat Angela Merkel die Auserwählten vorgestellt und Schwerpunkte gesetzt: Es geht vor allem um die Zukunft der Arbeit, den Umgang mit Daten, neue Start-ups und mögliche Bürgerbeteiligungen.

Das sind wichtige Themen, keine Frage. Und trotzdem muss man feststellen, dass der Digitalrat nur ein paar der drängendsten Felder bearbeiten wird. Welche Fragen dagegen nicht diskutiert und gelöst werden sollen, die aber angepackt werden müssten, erfährt man in »Der blinde Fleck der Digitalisierung«.

Das Buch ist – nach »Smarte grüne Welt?« von Tilman Santarius und Steffen Lange – die zweite Veröffentlichung in diesem Jahr, die aus wissenschaftlicher Sicht versucht, ein breiteres Publikum für ökologische, soziale und ethische Fragen der Digitalisierung zu sensibilisieren. Dass das kein Selbstläufer ist, wissen die Autoren. »Warum Digitalisierung und Nachhaltigkeit?«, haben der Techniksoziologe Felix Sühlmann-Faul und Stephan Rammler, seit kurzem wissenschaftlicher Direktor des Berliner Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, deshalb einen Abschnitt in ihrem Buch genannt. Was so viel bedeutet wie: Wer über die Schnittpunkte der zwei Megatrends sprechen will, muss ganz vorne anfangen.

Selbst 20 Jahren nach Gründung von Google und 11 Jahre nach Erfindung des Smartphones ist das Wissen darum, welche Folgen die zunehmende Verdrahtung der Welt hat und haben kann, kaum vorhanden. Stattdessen dominiert ein anderes Bild, das der »Dematerialisierung«. Wenn wir nur alles in Nullen und Einsen verwandeln und miteinander verknüpfen, so der Glaube, wird unsere physische Welt entlastet. Alles läuft dann schneller und globaler, und nachhaltiger ist das auch, denn die Natur wird ja nicht mehr in Anspruch genommen.

Großer Irrtum, sagen Sühlmann-Faul und Rammler, und zählen reihenweise »Nachhaltigkeitsdefizite« auf: Der Energieverbrauch durch die wachsende Verbreitung von Servern, Sensoren und Endgeräten steigt unaufhörlich und damit auch der klimaschädliche CO2-Ausstoß – er macht bereits etwa so viel aus wie der globale Flugverkehr. Die Rohstoffgewinnung für Smartphones führt zu sozialen und ökologischen Problemen, und der nach der Nutzung anfallende Elektroschrott ebenfalls – allein 2017 sollen es schätzungsweise 60 Millionen Tonnen weltweit gewesen sein, die auf gigantischen Müllkippen in Asien und Afrika landen und Land und Luft verschmutzen. Intelligente Stoffkreisläufe gibt es nicht und Recycling bleibt aus. Die Arbeitsbedingungen in Fabriken sind zum Teil desaströs. Hersteller bauen Sollbruchstellen in ihre Geräte ein (»geplante Obsoleszenz«) und legen Käufern durch Marketing, Werbung und Design nahe, sich nach möglichst kurzer Zeit ein neues Gerät zuzulegen (»psychologische Obsoleszenz«). Konzerne sammeln und horten Daten über Daten und legen darüber kaum Rechenschaft ab. Automatisierte Prozesse führen in der Kommunikation zu sich selbst verstärkenden Echokammern, was die Demokratie empfindlich angreift. Bildung zu digitalen Fragen bleibt weit hinter dem zurück, was wir eigentlich bräuchten. Und so weiter.

Aber anstatt ernsthaft zu diskutieren, wie man diese Missstände beheben könnte, erleben wir einen »gigantischen ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Öffnungsprozess ins Ungewisse«, wie Stephan Rammler es in seinem Vorwort nennt, »vom dem KEINER (sic!) im Augenblick sicher sagen kann, wohin die darin sichtbar werdende komplexe und äußerst facettenreiche Überlagerung der vielfältigen Teilentwicklungen, Synergien, Widersprüche und Gefahren der digitalen Transformation unsere Gesellschaft führen wird.« Und weiter:

»Dieses führt im Kern dazu, dass die Entscheidungen für morgen immer wieder aus der Rationalität, den Interessensmustern und der Pfadabhängigkeit der Vergangenheit heraus getroffen werden. Abermals und immer wieder suchen wir die Lösungen im Mehr vom Bekannten, im Schnelleren, im Wachsen, das einem Wuchern gleichkommt.«

Es ist paradox. Einerseits begreifen und beschreiben wir den momentanen Wandel als umfassend, als »Disruption«. Alles wird auf den Kopf gestellt, kein Stein bleibt auf dem anderen. Andererseits bleiben die Spielregeln des  verbreiteten Strebens nach Gewinnmaximierung unangetastet. Hier kann von Disruption keine Rede sein. Erst digitalisieren, dann fragen, was man damit überhaupt anstellen kann – daran hat sich nichts geändert. Man kann das auch an den mantraartigen Klagen erkennen, wonach Deutschland bei der Digitalisierung ein Entwicklungsland sei, das wahlweise den Anschluss verpasst, tief und fest schläft, weit hinten liegt oder im Grunde bereits chancenlos ist im internationalen Wettrennen. Erst kürzlich waren es 20 Vorstandschefs, die bemängelten, dass wir »ausgerechnet bei der Zukunftstechnik 5G« zurückfallen würden.

Felix Sühlmann-Faul und Stephan Rammler sind weit davon entfernt, das Gegenteil – nämlich eine analoge Zukunft – zu fordern. Aber sie kritisieren die technologische Sorglosigkeit und wünschen sich eine noch tiefer greifende Disruption.

»Die Frage, ob und inwiefern mit den neuen Techniken z.B. auch völlig neue und sehr viel nachhaltigere Lebensstile, Raum- und Siedlungsstrukturen und politische Beteiligungsverfahren entstehen können, wird zu wenig bis gar nicht gefragt.« Dieses menschliche Unvermögen, sich eine alternative Zukunft ausmalen und in die Wege leiten zu können, sei »eines der größten Probleme unserer Gegenwartsgesellschaft«.

Angesichts dieses pessimistischen Fazits, das bereits auf den ersten Seiten formuliert wird, schrumpft der ohnehin nicht üppige Katalog an individuellen Optionen zum nachhaltig-digitalen Handeln gegen Ende des Buchs noch weiter zusammen. Es gibt Möglichkeiten, mehr Nachhaltigkeit durch Digitalisierung zu erreichen, die »Sharing Economy« und die Kreislaufwirtschaft voranzubringen, auf Mitfahrdienste zu setzen oder Kollaborationen zu fördern. Aber ihre Wirkung verblasst derzeit stark. Die weiter wachsende Daten- und Geräteflut, zu der jeder Bürger mit seinem Smartphone, all den WhatsApp-Nachrichten, Instagram-Stories und gestreamten Netflix-Serien beiträgt, ist zu groß. Das Versprechen auf dem Buch-Cover – »Wie sich Nachhaltigkeit und digitale Tranformation in Einklang bringen lassen« – kann momentan nicht eingelöst werden.

Trotzdem: »Der Kopf gehört nicht in den Sand«, schreiben die Autoren und listen über mehrere Seiten offene Fragen auf. Es ist eine Art Forschungsauftrag für sich selbst und ihre Kollegen, die immer noch großen Lücken bei der Digitalisierung unserer Gesellschaft mit Erkenntnissen zu füllen. Zum Beispiel zum »Reboundeffekt«, der zur Folge hat, dass Effizienzsteigerungen häufig durch Mehrnutzungen zunichte gemacht werden und sich ins Gegenteil verkehren. Seit mehr als 150 Jahren ist das Phänomen bekannt, wurde aber bis vor wenigen Jahren stiefmütterlich behandelt.

Uwe Schneidewind, der Chef des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie, hat sich kürzlich ein Feld der Digitalisierung herausgegriffen und erklärt, dass durch die neuen technologischen Möglichkeiten eine dekarbonisierte Mobilität »in greifbarer Nähe« sei. Das stimmt wahrscheinlich. Nach dem Lesen dieses Buchs muss man aber auch sagen: Wir müssen uns noch gewaltig anstrengen, um tatsächlich zugreifen zu können.

Der blinde Fleck der Digitalisierung
Felix Sühlmann-Faul, Stephan Rammler
Oekom, 230 Seiten, 22 Euro

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