Der soziale Impact der Blockchain

Die Blockchain ist ja gerade das angesagteste disruptive Ding überhaupt. Banken verschwinden künftig, so die Prophezeiung, weil die dezentrale Technologie sichere Finanz-Transaktionen zwischen zwei oder mehr Partnern gewährleistet und der Mittler – also die Bank – somit seine Existenzberechtigung verliert. Auch Energie-Konzerne brauchen wir künftig nicht mehr. Dank Blockchain kann ein privater Stromerzeuger, von denen es sehr viele gibt inzwischen, seine überschüssige Energie ohne Umwege an den Nachbarn verkaufen – abgerechnet wird digital, direkt und zuverlässig.

So oder ähnlich klingt es in zahlreichen Berichten derzeit, und »Forbes« hat gerade geschrieben, dass die zehn größten Unternehmen der Welt der Blockchain so viel Bedeutung zumessen, dass sie untersuchen, wie sie sich für ihre Ziele nutzen ließe.

Sehr viel weniger beleuchtet wird, welche Chancen die Blockchain bietet, soziale und ökologische Probleme zu lösen. Vergangene Woche hat in Washington D.C. eine Konferenz dazu stattgefunden, deren zehnstündigen Livestream man sich hier nochmal ansehen kann. Schon ein paar Wochen davor sind neun Forscher des »Stanford Center for Social Innovation« das Thema systematisch angegangen. Für ihre Studie »Blockchain for Social Impact. Moving beyond the Hype« haben sie weltweit 193 Initiativen, Projekte und Unternehmen untersucht. Zwar erklären sie nicht, nach welchen Kriterien sie ihre Fälle ausgewählt haben und wie sie »Social Impact« definieren. Offensichtlich ist aber, dass sie sich an den 17 »Sustainable Development Goals« (SDGs) der Vereinten Nationen orientieren, die bis zum Jahre 2030 weltweit für mehr Nachhaltigkeit sorgen sollen.

Und was sich in dem Bericht abzeichnet, klingt vielversprechend. Obwohl die Szene noch sehr jung ist, 74 Prozent der Projekte gerade mal in der Pilot- oder Ideen-Phase stecken und 34 Prozent erst 2017 oder später gegründet wurden, würde eine Mehrheit bereits Anfang 2019 erste Wirkung erzielen. Bemerkenswert: 20 Prozent aller Projekte seien in der Lage, Probleme zu lösen, für die es bisher gar keine Lösungen gab.

Anwendung findet die Blockchain in zahlreichen Feldern: Landwirtschaft, Demokratie und gutes Regieren, Philanthropie, Energie, Klima, Finanzen, Landrechte, Gesundheit. In letzterm Bereich sind die meisten aktiv, etwa wenn es darum geht, Medikamente mit Sensoren auszustatten, die die lückenlose Kühlkette und ihre Herkunft nachweisen können und somit belegen, dass sie nicht gefälscht sind; was ja ein massives Problem ist. Außerdem kann die Blockchain den digitalen Austausch von Krankenakten und Dokumenten vereinfachen und sehr viel günstiger machen als bisher; bislang ist das nur für wohlhabende Staaten eine Option.

In anderen Fällen gibt’s Ideen, das Abgeben seiner Stimme bei einer Wahl auch Kranken oder Menschen im Ausland zu ermöglichen (allein in den USA waren 2014 rund 2,6 Millionen Bürger außerhalb des Landes wahlberechtigt, aber nur 4 Prozent gaben ihre Stimme ab), die öffentliche Verwaltung zu digitalisieren (Estland ist hier – mal wieder – Vorreiter und muss viele Informationen der Bürger nur noch einmal abfragen. Danach haben alle anderen Stellen darauf Zugriff), bei Lebensmitteln nachzuweisen, dass sie nicht verdorben oder frei von Pestiziden sind.

Eines der bekanntesten Beispiele ist eine Entwicklung der Vereinten Nationen: Das World Food Programme (WFP) überweist Flüchtlingen, die kein Konto haben, in einem jordanischen Camp per Blockchain Geld, mit dem sie wiederum – über einen Iris­­–Scanner – im Supermarkt einkaufen können. Nebeneffekt: Die Technik spart 98 Prozent der vorigen Kosten ein (Bankdienstleistungen in Flüchtlingslagern aufzubauen ist aufwändig und teuer) – bei Ausgaben von sechs Milliarden US-Dollar jährlich kämen so immense Summen zusammen, die dann den Geflüchteten zu Gute kommen könnten.

Die Forscher schließen ihre Studie mit dem Hinweis, dass man die Ergebnisse noch mit Vorsicht genießen muss. Es ist zu früh für belastbare Aussagen. Aber ähnlich wie in der klassischen Wirtschaft sei die Blockchain auch im Engagement-Sektor in der Lage, Kosten zu senken, Effizienz zu erhöhen, die Sicherheit zu verbessern und Vertrauen zwischen einer Vielzahl von beteiligten Akteuren zu schaffen. 193 Projekte hat die Studie untersucht. Es sieht so aus, als ob diese Zahl künftig stark wachsen wird.

Nachtrag (11.6.) – In diesem »jargon-free think piece on an exciting technology« empfiehlt Asheem Singh Non-Profits und Charity-Organisationen, sich schnell mit der Blockchain zu beschäftigen. Es gäbe bisher zu wenige Beispiele aus dem sozialen Sektor. Früher oder später aber werden diese Initiativen, Projekte und Vereine dazu gezwungen sein, nicht zuletzt, weil andere Branchen und Sektoren sich gerade digitalisieren, wie zB die Finanz-Industrie, auf die auch NGOs angewiesen sind.

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