Die toten Robben der Digital-Aktivisten

Die Berliner Stiftung Neue Verantwortung hat vor ein paar Tagen eine Diskussionsrunde zu der Frage organisiert, ob die Umweltbewegung ein Vorbild für ein entstehendes Digitalbewusstsein sein sollte. Markus Beckedahl vom Verein Netzpolitik glaubt das, beklagte in einem Vorab-Interview aber, dass es die Öko-Bewegten leichter gehabt hätten, denn: „Die Bilder von toten Robben oder die Bedrohung durch Tschernobyl – das sind Erzählungen, die zu einer massiven Aufrüstung, einem Aufbau der Umwelt-Zivilgesellschaft geführt haben.“ Mit den Schlagworten Daten, Überwachung und NSA hingegen käme keine massenmobilisierende Bewegung zustande.

Der Verweis ist richtig, man muss aber auch festhalten, dass in der Umweltbewegung ebenfalls nichts schnell passiert ist. Nach Tschernobyl (1986) dauerte es 35 Jahre, bis die Kanzlerin das Aus der Kernkraft verkündete – und trotzdem sind wir immer noch viele Jahre von einer flächendeckend nachhaltigen Energieversorgung entfernt. Hier, und in vielen anderen Bereichen der Nachhaltigkeit, vollzieht sich der Wandel ebenfalls so quälend langsam, dass die Forscherin Luise Tremel die Transformation mit der Abschaffung der Sklaverei verglich – die sich über mehrere Jahrhunderte zog.

Digital-Aktivisten haben den Nachteil, dass der abstrakte Vorgang des Sammelns, Speicherns und Vernüpfens von Daten keine medial verwertbaren Bilder produziert und dass aus Edward Snowden wohl kein Posterboy der Bewegung mehr wird. Dafür haben sie zwei andere große Vorteile, um die sie Umwelt-Aktivisten früher beneidet hätten und zum Teil bis heute beneiden dürften.

Erstens: Technologie ist sexy. Jeder will immer ein neues Smartphone, Tablet oder anderes Gerät haben, es ausprobieren, in seinen Alltag integrieren, damit angeben. Das wird bei der Kommunikation noch sehr helfen. Außerdem sind manche Veranstaltungen wie die re:publica (auf der es nicht mal um Gadgets geht) wahre Happenings, die junge Gründer und Bundesminister gleichermaßen anziehen. Die Nachhaltigkeitsszene hingegen leidet nach wie vor darunter, dass ihr das Thema “Verzicht” wie ein Mühlstein um den Hals hängt (trotz Vorzeige-Aktivisten wie Leonardo di Caprio, die gegen den Klimawandel mobilisieren). Zu überlegen, wie man seinen Lebensstil ändern sollte, ist und bleibt nicht besonders anziehend. Bisher ist es aber nicht gelungen, dagegen ein überzeugendes Narrativ zu finden.

Zweitens: Die Digitalisierung (und damit meine ich vor allem die Vernetzung von jedem Menschen mit jedem Ding) ist viel tiefer in der Wirtschaft verankert als es die ökologische Bewegung ein paar Jahren nach ihrem Beginn war. Dieser Hebel ist essentiell wichtig, um Veränderungen zu erreichen – und ich gehe davon aus, dass der Druck, der auf den Firmen lastet, z.B. Fragen nach dem Umgang mit persönlichen Daten zu beantworten, viel schneller viel größer wird, als das mit ökologischen Themen gelungen ist. Hier wurde inzwischen viel erreicht, keine Frage, aber das dauerte mehrere Jahrzehnte. Und es gibt immer noch viel zu tun: So werden die ökologischen und sozialen Folgen entlang der Lieferkette immer noch nicht in Produkte eingepreist. Dieses Instrument bräuchten wir allerdings dringend, um endlich zu ehrlichen und transparenten Preisen zu kommen.

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