Fortschritt ist das nicht

Jetzt kommen E-Scooter also auch nach Deutschland. Für die Befürworter sind sie Teil einer zukunftsfähigen, nachhaltigen Mobilität. Weil sie – mit Ökostrom aufgeladen – die »letzte Meile» umweltfreundlich überbrücken und Kurzstrecken mit dem Auto ersetzen. Und weil sie zeigen, dass man grünen Fortschritt mit Ideen und Innovationen erzielen kann, und nicht mit Regeln und Verboten.

Für die Hersteller ist der Fall ohnehin klar. »Bird encourages clean, car-free alternatives«, heißt es bei dem amerikanischen Hersteller Bird unter »Impact«. Lime behauptet: »We’re leading the way forward on sustainable micro mobility.« Die Macher von Voi geben an, dass ihre E-Scooter bereits mehr als fünf Millionen hinter sich haben und dadurch 900.000 Tonnen CO2 eingespart worden wären – wenn man dieselben Strecken mit einem Mittelklassewagen zurückgelegt hätte. Moovi bringt einen »nicht nur kompakt und mit Freude ans Ziel, sondern auch nachhaltig und umweltfreundlich«, so der Hersteller.

Also alles staufrei und sauber ab sofort?

Naja. Bei einer anderen Alternative zum Privatauto konnte dieses Versprechen bisher nicht eingehalten werden: beim Carsharing. Es gibt Aussagen darüber, dass geteilte Autos den Stadtverkehr entlasten (Bundesverband Carsharing), die Umweltentlastung »unumstritten« ist (Umweltbundesamt) oder dass Bremer Carsharing-Nutzer 5000 Fahrzeuge ab- oder nicht angeschafft hätten (Cambio) oder 4.616 Autos verkauften (Car2go).

Auf der anderen Seite kam die groß angelegte Studie »Mobilität in Deutschland 2017«, die vor gut einem halben Jahr vorgestellt wurde, zu dieser ernüchternden Aussage:

»Nur eine Minderheit von 6 Prozent aller Carsharing-Mitglieder (…) nutzt ein geteiltes Auto zumindest wöchentlich, 27 Prozent tun dies monatlich, 44 Prozent noch seltener und 22 Prozent nie. Das Carsharing-Angebot wird so zu einer Art Option im Bedarfsfall und nicht zu einem regelmäßig genutzten Angebot.«

Der Ökonom und Verkehrsforscher Tilman Bracher sprach hier davon, dass vor allem das Freefloating-Carsharing sein Versprechen nicht einhält. Und schaut man sich die Bestandszahlen des Kraftfahrtbundesamtes an, wird klar: Weniger Autos fahren auf deutschen Straßen nicht. Im Gegenteil: Die Zahl der zugelassenen Kraftfahrzeuge ist auf Rekordniveau (mehr als 57 Millionen) und seit 2008 wächst auch die Zahl der Pkw kontinuierlich, auf den aktuellen Höchststand von mehr als 47 Millionen; in Bremen ist die Zahl übrigens auch gestiegen. Und sie sind größer und schwerer als noch vor fünf, zehn und erst recht vor 30 Jahren. Obwohl Carsharing so verbreitet und bequem anzuwenden ist wie nie zuvor.

Dass E-Scooter Autos ersetzen, müsste also erst noch bewiesen werden. Es wäre nicht überraschend, wenn durch die zahlreichen Anbieter, die auf den deutschen Markt drängen, zunächst einmal nichts weniger, sondern alles nur mehr wird. Und zwar mit Verkehrsträgern, die zusätzliche Ressourcen und Energie verbrauchen, auf Strecken, die man zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad zurücklegen könnte.

Die Frage, ob der Verkehr entlastet wird oder zunimmt, wird in den kommenden Jahren bei einer weiteren »Innovation« relevant: bei Drohnen und Flugtaxis. Die Industrie bereitet den Markt vor und will Geräte entwickeln, die sicherer und leiser sind als Hubschrauber und mit regenerativer Energie fliegen. Kommt das zusammen, könnten sie eine Alternative auf Strecken von etwa 20 Kilometern sein. Sie befördern Passagiere, liefern Pakete aus und übernehmen Service- und Wartungsarbeiten. Was wiederum andere Verkehre reduziert. Vorausgesetzt, die Anreize zum Umsteigen sind so groß, dass es unterm Strich zu einer Entlastung kommt.

In China setzt der Staat diese Anreize. Er schränkt den Verkauf und das Fahren von Autos mit fossilen Brennstoffen in gewissen Städten, Regionen und Straßen ein, um die E-Mobilität anzukurbeln. Es gibt gute Gründe, warum wir diesem Beispiel nicht folgen wollen. Andererseits funktioniert unsere Idee, dass der Markt die Verdrängung von klimaschädlichen Produkten organisiert, auch nicht.

Wir sind so viel unterwegs wie nie zuvor. Bei der nachhaltigen Mobilität kommen wir trotzdem nicht voran. Fortschritt ist das nicht.

(Das Foto ist von Kat Jayne, gefunden bei Pexels)

Schreibe einen Kommentar