Ist das ein Smartphone oder kann das weg?

Widmung für die ersten Fairphone-Unterstützer, eingraviert auf der Innenseite der Abdeckung

Mein Fairphone ist tot. Überraschend kam das nicht, das Ende hatte sich über die letzten Monate angekündigt. Es wurde immer behäbiger, reagierte nicht mehr auf alle Befehle, und zum Schluss musste ich sehr oft auf den Schalter drücken, damit es überhaupt noch anspringt. Mit Einschränkungen leben musste man mit dem Fairphone ja ohnehin. Es war größer, klobiger und teurer als vergleichbare Geräte, die Navigation nicht immer intuitiv, die Fotos mittelmäßig – technisch hätte ich für das Geld etwas besseres bekommen können. Vielleicht bilde ich mir das ein, aber häufig, wenn ich es irgendwo auf den Tisch legte, schienen die anderen in der Runde mitleidig sagen zu wollen: “Ist das ein Smartphone oder kann das weg?”

Ich ziehe vor Gründer Bas van Abel und seinem Team trotzdem jeden Hut. Sie haben mich im Frühjahr 2013 dazu gebracht, ihnen 325 Euro für ihre Crowdfunding-Kampagne zu überweisen – und das, obwohl ich sie weder kannte, noch ihnen sonderlich vertraute und wusste, dass es eine ganze Zeit dauern würde, bis ich mein Telefon in der Hand halten würde. Sie hatten das ja selbst noch nie gemacht und boten mit ihrem Start-up so eine Art Wette an: Kämen genügend mutige Geldgeber zusammen, würden sie sich eine Fabrik suchen und versuchen, ein so fair wie möglich gehandeltes Telefon herstellen lassen. Mehr als sieben Monate musste ich letztlich warten, alles zog sich hin, eine verdammt lange Zeit. Wer sich heute ein Gadget bestellt, hält es ja kaum 48 Stunden aus. Hätte die DDR Smartphones produziert, es hätte wahrscheinlich die Lieferzeit eines Fairphones gehabt. Aber dann kam es. Und hielt fast vier Jahre lang durch.

aus dem Fairphone-Newsletter vom 14. Mai 2013

Damit hatte ich am Anfang nicht gerechnet. Als mir eine Kollegin von Gründer Bas van Abel und seinen Plänen erzählte, die weit verzweigte Lieferkette von herkömmlichen Geräten zu durchleuchten und auf den Kopf zu stellen, dachte ich nur, was für ein Naivling. Wie soll das denn gehen? Zumal es schon in den Jahren zuvor gescheiterte Versuche von etablierten Unternehmen gab, ein in Ansätzen öko-faires Handy auf den Markt zu bringen: Die Japaner von NEC hatten 2005 ein Konzept mit einer Schale aus Mais- und Kartoffelstärke vorgestellt; 2009 brachte Sony Ericsson die “Green Heart”-Modelle “C901” und “Naite” heraus, deren Gehäuse zur Hälfte aus Recyclingmaterial bestand und die mit weniger Verpackungsmaterial auskamen. Später war es dann Dave Hakkens, der die Idee des “Phonebloks” in die Welt setzte – ein Smartphone, dessen modulare “Bloks” nach Belieben zusammengesetzt und ausgetauscht werden konnten, wenn eine Funktion defekt war. Google fand das reizvoll, nahm sich der Sache an und benannte sie in “Project Ara” um. Aber irgendwann hörte man davon auch nichts mehr.

Wobei: Es gibt alternative Hersteller, die sich am Markt halten, einen sogar in Deutschland. Die Shift GmbH in der Nähe von Kassel bemüht sich ebenfalls darum, nachhaltige Smartphones, Tablets und jetzt sogar ein Notebook anzubieten. Aber die Macher des Fairphones sind weiterhin diejenigen, die die empfindlichsten Nadelstiche gegenüber Apple, Samsung, Huawei und all den anderen Konzernen setzen. Im Fairphone 2 sind mehr Rohstoffe aus konfliktfreien Quellen verbaut als vorher und das Gerät lässt sich innerhalb von wenigen Minuten komplett auseinander nehmen. In dem Sinne ist es das erste wirklich modulare Telefon. Und wahrscheinlich kann das Unternehmen Ersatzteile auch länger vorrätig halten als beim ersten Modell und so die Lebensspanne nochmal verlängern. Einmal habe ich den Akku ausgetauscht, das hat mich keine 25 Euro gekostet, vor ein paar Monaten aber erklärte Bas van Abel im Newsletter, dass man ab sofort keinen Nachschub mehr für das Fairphone 1 anbieten könne. Zu teuer, zu aufwändig, nicht rentabel. Als sich mein Gerät jetzt also zum letzten Mal und damit endgültig ausschaltete, hatte ich keine Chance mehr, es zu reparieren. Dafür war ich dann einfach zu früh dran. Aber die Idee lebt weiter. Das ist deutlich mehr, als ich vor vier Jahren erwartet hatte.

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