Jedem seine »Wende«

Jetzt also die »Finanzwende«.

Der Grünen-Politiker Gerhard Schick hat in der »Zeit« angekündigt, dass er sich Ende des Jahres aus dem Bundestag zurückziehen, sein Mandat als Abgeordneter abgeben und sich voll und ganz seiner frisch gegründeten »Bürgerbewegung Finanzwende« zuwenden will. Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers würden noch immer die notwendigen Reformen und Sicherheitsmaßnahmen fehlen, die verhindern, dass sich so etwas wie die damalige Krise, die Länder an den Rand ihrer Existenz getrieben hat, erneut entsteht. Im Gegenteil: Schick hält es für möglich, dass sich Geschichte wiederholt. Hochfrequenzhandel, kriminelle Geschäfte, Steuertricks, eine mächtige Lobby – all das gebe es nach wie vor. »Es könnte sich genau so wiederholen. Die Versprechen sind nicht eingehalten, die entscheidenden Veränderungen nicht gemacht worden«, sagt er.

Mich überzeugt Schick. Seine Antworten auf die Frage, warum er den Bundestag verlässt, wo er Reformen anstoßen könnte (und in der Vergangenheit ja auch hat), und stattdessen eine NGO gründet, sind nachvollziehbar. Er will das Thema noch stärker in die Öffentlichkeit tragen, erklären, werben, Diskussionen anregen und die Stimmen der Bürger und Sparer und Anleger zu punktuellen Fragen bündeln, um Druck aufs Parlament ausüben zu können. Eine Art »Campact« für die Finanzbranche soll es werden. Mit vielen tausend Adressen von Unterstützern im Verteiler, die etwas geändert sehen wollen (und ihm finanziell auch unter die Arme greifen. Neben den Stiftungen, die die Anschubfinanzierung übernehmen).

Und doch hat das ganze eine Kehrseite. Die neue »Bürgerbewegung« zeigt einmal mehr, woran es fehlt – nämlich an einem übergreifenden Verständnis und einem ganzheitlichen Ansatz, gesellschaftliche Themen anzupacken. So wichtig Schicks »Finanzwende« ist: Es ist nicht die einzige »Wende«, die da ausgerufen wird. Wir kennen bereits die »Energiewende« und die »Verkehrswende«, und von einer »Agrarwende« wird auch immer wieder gesprochen. Das sind alles wichtige, relevante Bereiche, die locker von einer oder mehreren NGOs bespielt werden können.

Trotzdem muss die Frage lauten: Wollen wir das so? Ist diese Zersplitterung wünschenswert? Bringt sie uns voran?

Wenn von »Nachhaltigkeit« die Rede ist, wird vielfach betont, dass es sich um ein »Querschnittsthema« handelt, worum sich – in der Politik – nicht ein Ministerium kümmen muss, sondern alle. Alle müssen zusammenarbeiten, über ihre Ressortgrenzen hinweg, weil die Energie- nicht ohne die Verkehrswende zu begreifen und umzusetzen ist, weil eine Agrar- auch von der Finanzwende abhängt – wie die Finanzbranche ja ohnehin riesigen Einfluss hat, um in allen Sektoren Veränderungen anzustoßen.

Die Gründung der einzelnen Initiativen und NGOs zeigt allerdings, dass genau das bislang zu wenig passiert – und zugleich wird es durch sie wahrscheinlich auch schwerer, diese Kooperationen künftig zu erzielen. Je mehr Akteure ihrer Agenda nachgehen, desto komplizierter wird es, diese mit anderen Interessen zu vereinen.

Aber warten wir mal ab. Vielleicht gründet sich bald ja der »Verein Wende e.V.«, der das Ziel hat, sämtliche Unter-Initiativen zu einem großen Bundesverband zu vereinen.

(Das Foto stammt von »Capturing the human heart« und ist auf Unsplash.com zu finden.)


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