Kann es “Daten-Philanthropie” geben?

Das Erheben und Auswerten von Daten, um die Veränderungen des Klimas zu belegen, ist alles andere als neu. Im Gegenteil, es ist die Voraussetzung für alle Maßnahmen, die jetzt dazu beitragen sollen, die globale Erhitzung zu bremsen. Forscher waren immer schon daran interessiert, Zahlen und Fakten zu sammeln und zu verknüpfen – und dafür überwanden sie in der Vergangenheit übrigens auch scheinbar unüberwindbare Hürden: Direkt nach dem Zusammenbruch der Berliner Mauer zum Beispiel kooperierten die Erzfeinde CIA und KGB, wie die faszinierende Arte-Doku „Die Klima-Spione“ kürzlich zeigte (noch bis Mitte Dezember online).

Heute, knapp 30 Jahre später, ist die Situation eine andere: Gemessen werden können nicht mehr nur die Folgen des Klimawandels, sondern auch das vorausgehende menschliche Verhalten – und zwar in einem nie zuvor gesehenen Umfang. Wir verdrahten und verdaten unser Leben und unseren Alltag, rüsten die Welt nach und nach mit Sensoren aus, lassen uns (mehr oder weniger freiwillig) überwachen und schreiben Facebook-Posts, bis uns die Daumen schmerzen. Das Problem: Die Hoheit über diese Daten haben privatwirtschaftliche Unternehmen. Wäre es nicht klug, diese Daten für gesellschaftliche Zwecke zu nutzen – etwa die Bekämpfung des Klimawandels? Und wie kommt man an diese Daten heran?

Das ist die Kernfrage, der die UN-Initiative „Global Pulse“ nachgeht. Sie wurde 2009 gegründet, hat drei „Labs“ in New York, Kampala und Jakarta, momentan 65 Mitarbeiter und das Ziel, aus der Verarbeitung von Daten neue Ideen und Lösungen für ökologische und humanitäre Probleme zu entwickeln. Ich habe Global-Pulse-Direktor Robert Kirkpatrick bei der Bonner Klimakonferenz COP23 kennengelernt, als er die Gewinner eines Wettbewerbs ausgezeichnet hat. 97 Teams von Universitäten weltweit hatten mitgemacht und 32 Projekte eingereicht, es waren bemerkenswerte Ideen dabei: Eine Gruppe stellte eine Korrelation zwischen Luftverschmutzung und Konsumausgaben her und zeigte, dass (in Spanien) die Einkäufe um bis 41 Millionen Euro täglich zurückgehen, wenn die Ozonbelastung um zehn Prozent zunimmt. Ein anderes Team entwickelte Empfehlungen für die Politiker Senegals, wie sie die Infrastruktur ihres Landes effektiv voranbringen könnten – Überflutungen der Straßen sind hier (und weltweit) ein großes, zunehmendes Problem.

Damit die Forscher arbeiten konnten, stellten elf Unternehmen Daten zur Verfügung, die nicht frei erhältlich sind. Robert nennt das „Data Philanthropy“. Firmen spenden für einen guten Zweck, in diesem Fall kein Geld und keine Sachgegenstände, sondern – Daten. So einleuchtend das klingt, in der Praxis stellt das UN Global Pulse und die Datengeber vor einige Probleme. Wem gehört der Rohstoff eigentlich? Darf er weitergereicht werden? Müssen die Urheber der Daten einwilligen? Lassen sich die Daten anonymisieren – und haben sie dann überhaupt noch einen Wert für die Verarbeitung? Wie sieht’s mit der Daten-Sicherheit aus? Und: Ist der hochtrabende Begriff der Philanthropie hier überhaupt angebracht? Ist das wirklich ein humanitärer Akt, Daten freizugeben? Geschieht das aus Menschenliebe, aus einem Sinn fürs Gemeinwohl? Oder aus Kalkül, weil die Firmen Stoff für ihren CSR-Bericht brauchen? Zumal die Bürger und Verbraucher häufig nicht um Erlaubnis gefragt wurden oder (ausreichend) darüber bescheid wissen, wo, wann und in welchem Umfang sie überwacht und ihre sehr persönlichen Daten abgezapft werden.

Robert macht keinen Hehl daraus, dass sich all diese Fragen stellen. Aber: Derzeit hätten sie eher zu viele Angebote von Unternehmen und müssten ihr Team eigentlich ausbauen, um alles abzuarbeiten (gleichwohl ist die Zahl der teilnehmenden Firmen global natürlich noch sehr klein). Langsam setze ein neues Denken ein, sagt er, gerade auch, weil sich die Öffentlichkeit mehr für das Thema interessiert und überlegt, welche digitale Zukunft wir eigentlich anstreben sollten. Aber nein, eigentlich gehe es nicht um „Philanthropie“, hier teilte er meine Kritik an dem Begriff. So ganz ohne öffentliche Kommunikation und ein wenig Marketing gehe es allerdings nicht, räumt er ein – an dieser Stelle müsse man den Firmen entgegenkommen. Aber dann kämen interessante Projekte dabei raus: die Vorhersage des Ausbruchs von Dengue-Fieber in Pakistan zum Beispiel, oder Aufzeichnungen und Rückschlüsse über die Migrationsbewegung nach einem Erdbeben in Nepal. Robert will demnächst übrigens auch mit der deutschen Regierung sprechen, um Projekte anzustoßen. Bisher halten deutsche Firmen sich noch zurück mit ihren (unseren) Daten. Mal sehen, ob sich daran etwas ändert.

Wer mehr wissen will:

www.globalpulse.org und @UNGlobalPulse
– „Forbes“-Gastbeitrag über das (Daten-)Unternehmen Mastercard ()
– „Harvard Business Review“ über das Konzept von „Daten-Philanthropy“

(Das Aufmacherfoto habe ich bei Unsplash.com gefunden und stammt von Clint Adair)

Schreibe einen Kommentar