»Konstruktiver« Journalismus ist nicht die Lösung

Für Journalisten ist es schmerzhaft, Hans Roslings Buch «Factfulness» zu lesen. «Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist» – so lautet die Unterzeile der deutschen Fassung, und das ist einerseits keine überraschende Werbung für das Buch, wenn man ein wenig verfolgt hat, wer Hans Rosling war und woran er Zeit seines Lebens gearbeitet hat (er ist im Februar 2017 gestorben; sein Sohn und dessen Frau haben das Buch zu Ende geschrieben): Seine Mission war es, die Welt anhand von Datenreihen und Fakten zu analysieren und uns unsere Unwissenheit über elementare Entwicklungen auf eine sehr unterhaltsame Weise vorzuhalten. Die Essenz und was wir daraus lernen sollten, liegt jetzt auf 320 Seiten plus einem umfangreichen Anhang vor.

Andererseits beschreibt der Satz «Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist» zum Teil ja auch den Arbeitsauftrag von Journalisten – und glaubt man Rosling, dann versagen sie (mich eingeschlossen) dramatisch. Demnach vermitteln Journalisten lediglich, dass die Welt immer schlechter wird. Dass in vielerlei Hinsicht das Gegenteil richtig ist, dass global betrachtet Armut abnimmt, die Zahl der Todesopfer durch Katastrophen sinkt, Impfungen viele Leben retten, die Lebenserwartung steigt, der Zugang zu Elektrizität zunimmt (wie Rosling in seinem Buch darlegt) – all das ignorieren wir.

Hans Rosling bilanziert:

«Es ist offenkundig, dass freie Medien kein Garant dafür sind, dass über umwälzende kulturelle Veränderungen berichtet wird.» (Seite 213)

 

«Medien sind nicht neutral und können es nicht sein, und wir dürfen von ihnen auch nicht erwarten, dass sie es sind.» (255)

 

«Es entspricht nicht dem Berufsverständnis von Journalisten (…), die Welt so darzustellen, wie sie tatsächlich ist (…) Nicht einmal die qualitativ hochwertigsten Nachrichtenkanäle vermitteln, soweit ich es sehen kann, ein neutrales oder nicht überdramatisiertes Bild der Welt (…)» (304)

Nun muss man festhalten, dass Rosling Journalisten in Schutz nimmt. Er klagt sie nicht an, sondern sagt, dass sie denselben «Megatrugschlüssen» unterliegen wie alle anderen Menschen auch. Sie lassen sich von ihren Instinkten treiben, immer auf der Suche nach dramatischen oder dramatisch klingenden Geschichten und vernachlässigen (verständlicherweise) die Meldungen, die zwar positiv sind, aber deshalb eben auch langweilig. Rosling zeigt zudem, dass Journalisten in guter Gesellschaft sind. Bei zahlreichen Auftritten vor Nobelpreisträgern, Professoren, Investmentmanagern, Politikern und anderen vermeintlich klugen Menschen hat er sein Publikum immer wieder nach o.g. Entwicklungen gefragt – und ist durchgehend auf große Unwissenheit gestoßen. Alle schätzen den Zustand der Welt falsch ein. Alle glauben, dass es uns immer schlechter geht.

Aber macht es das besser? Kann diese Relativierung Journalisten von ihrer Verantwortung befreien, die Welt so darzustellen, wie sie tatsächlich ist?

«Factfulness» ist eine Steilvorlage für Befürworter des „Konstruktiven Journalismus“, der, zumindest in meiner kleinen digitalen Filterblase wieder vermehrt diskutiert wird: Ende März erschien in der «taz» ein Stück, das auf einer NDR-Konferenz Mitte Februar basierte. Der Deutschlandfunk beschäftigte sich in seiner «@mediares»-Sendung am Ostermontag mit der Idee, Christian Stöcker dachte bei «Spiegel Online» auch anlässlich Hans Roslings Buch darüber nach, warum es scheinbar keinen interessiert, dass die Welt immer besser wird, und im aktuellen «Spiegel» (Ausgabe 19/2018) geht ein Text der Frage nach, warum sich die objektiv sicheren Deutschen so sehr vor Gewaltkriminalität fürchten – vielleicht müsste man es den Deutschen öfter mal sagen, dass ihnen verdammt gut geht, lautet eine Antwort aus dem Artikel-Teaser.

Das ist ja die Idee des «Konstruktiven», «Positiven» oder «Lösungsorientierten» Journalismus, wie auch immer man ihn nennen will: dass nämlich nach Antworten gesucht wird für heutige, drängende, gesellschaftliche Probleme wie etwa den Rechtspopulismus, den Klimawandel oder die gefühlte gesellschaftliche Angst, von der die «AfD» profitiert. Also: weg vom Katastrophenjournalismus, der nur negative Geschichten für berichtenswert erachtet und damit Quote oder Auflage machen will, und hin zu einer Form, die Lesern, Zuhörern und Zuschauern mehr Lichtblicke vermittelt und motiviert. Wie das gehen kann, zeigen inzwischen einige Beispiele: «Perspective Daily», die «Sächsische Zeitung», die ZDF-Reihe «Plan B», Harald Welzers «Zukunftsalmanache» mit «Geschichten des Gelingens», der BBC-Podcast «People fixing the World», bei «Spiegel Online» hatte das der ehemalige Chefredakteur mal ausgerufen, und der bekannteste Fürsprecher, der Däne Ulrik Haagerup, tourt durch Europa, um die Medienhäuser dazu zu bewegen, ihre bisherigen Ansichten und Praktiken zu revidieren. Petra Pinzler, Redakteurin der «Zeit», hat in diesem Gastbeitrag für Klimafakten.de den «Konstruktiven» Journalismus als ein Narrativ aufgelistet, um Lesern Geschichten und Fakten zum Klimawandel nahezubringen.

Um es kurz zu sagen: Ich glaube, dass der Ansatz richtig ist. Bei «enorm» haben wir ja auch versucht, motivierende Geschichten in den Vordergrund zu rücken, ohne sie durch eine rosarot gefärbte Brille der Naivität zu betrachten und naheliegende Widersprüche oder Kritik zu ignorieren. Zugleich habe ich mit dem Begriff immer gehadert. Ich glaube, dass er bei der Vermittlung der Idee innerhalb des Journalismus nicht hilft, sondern Gegensätze aufmacht, die Kritik und Widerstände provozieren.

Eine exemplarische davon stammt von der Journalistin und Autorin Kathrin Hartmann, nachzuhören in der oben verlinkten DLF-Sendung (und in diesem älteren Stück). Sie geht so weit, dass sie sagt, «konstruktiver» Journalismus sei «systemstabilisierend» – weil die unpolitische Bewegung dem Individuum die Rettung der Welt übertrage, Konzerninteressen zementiere und Strukturen nicht hinterfrage, an die man eigentlich rangehen müsse, um tatsächliche Veränderungen zu erreichen. Zudem würden sich «konstruktiv» berichtende Journalisten anmaßen zu entscheiden, was gut für eine Gesellschaft wäre.

Ich kenne Kathrin gut und schätze sie, wir haben schon häufig zusammengearbeitet. Ihre pauschale Kritik in diesem Fall halte ich allerdings für, nun ja, nicht konstruktiv. Sie ist – wie manch andere Kritik auch – deshalb irreführend, weil sie ein Extrem konstruiert. Der «konstruktiven» Idee  wird eine übertriebene Wirksamkeit zugesprochen. Tatsache ist vielmehr, dass wir hier gerade mal von ein paar alternativen Inseln inmitten der klassischen Berichterstattung sprechen, die der ganz überwiegende Teil der User, Leser, Hörer und Zuschauer überhaupt noch gar nicht wahrgenommen hat. Die mitschwingende Frage also, wie unsere Medien aussähen, wenn sich der Journalismus nur noch als «konstruktiv» verstünde, ist abwegig. Da sind wir nicht, da werden wir nie sein.

Trotzdem darf man die Kritik an der Kritik des Journalismus nicht ignorieren. Richtig verstanden ist Journalismus ja bereits «konstruktiv». Indem er recherchiert und berichtet, einordnet, erklärt und aufklärt, aufdeckt, kommentiert, für Unterhaltung sorgt, einem die Zeit vertreibt, Debatten entfacht, verschiedenste Meinungen darlegt und einiges mehr. Das war immer seine Aufgabe, das wird sie immer sein. Sich hinzustellen und zu sagen, wir jetzt die «Konstruktiven» und ihr macht es falsch, kann als arrogant verstanden werden. Einer der Gründer von «Perspective Daily» hat als Gastautor in einem Blendle-Newsletter (21. April) geschrieben: «Wer gegen Konstruktiven Journalismus ist, hat ihn nicht verstanden.» Das ist nicht der Ton, den wir anschlagen sollten, um die Debatte voranzubringen.

Ich glaube, dass die Betonung weniger auf dem «Positiven» und «Konstruktiven» liegen sollte, und vielmehr auf dem Gedanken der Vielfalt. Das ist nicht neu, in den letzten Jahren wurde beispielsweise schon intensiv über die Frauenquote und dem fehlenden Einfluss von Journalistinnen und Journalisten mit Migrationshintergrund diskutiert. Und wenn man sich etwa in einem Bahnhofskiosk umschaut, fällt es mir angesichts der Fülle von Magazinen mitunter auch schwer zu glauben, dass die redaktionelle Vielfalt noch zu gering ist. Erst neulich hatte ich das Heft «Fischbrötchen Deluxe» in der Hand, eine ganze Ausgabe über – ja, genau – Fischbrötchen.

Offenbar reicht das aber nicht. Die Zusammensetzung von Redaktionen ist immer noch zu homogen, es gibt noch zu viele blinde Flecken. Ich habe das bei «enorm» erlebt, als wir das Magazin gründeten. Wir kannten uns zu Beginn nicht mit unserem damaligen Kernthema, dem Sozialunternehmertum, aus. Sozialunternehmer versuchen – kurze Erklärung –, ein gesellschaftliches Problem dadurch zu lindern, dass sie ein Unternehmen aufbauen, das nicht der Gewinnmaximierung dient, sondern nach innovativen Lösungen sucht und diese anwendet. Wie gesagt: Wir hatten gerade erst begonnen, uns mit dem Thema auseinanderzusetzen, Akteure kennenzulernen, Gründer zu finden. Ziemlich schnell merkten wir aber, dass da bereits eine Szene unterwegs war, die bemerkenswerte Geschichten zu erzählen hatte – und der bis dato keine nennenswerte Aufmerksamkeit der Medien zuteil geworden war. Für mich war das Entdecken dieser – mir bis dahin unbekannten – Parallelwelt ein Augenöffner. Und für uns u.a. der Anlass, «enorm» auf den Markt zu bringen.

Wenn ich es richtig verstanden habe, ging es Jochen Wegner, dem Chefredakteur von «Zeit Online», kürzlich ähnlich (man kann das in dem oben verlinkten Video der NDR-Konferenz noch mal ansehen): Zu ihrem 20. Geburtstag wollte die Redaktion etwas besonderes machen und stieß dabei zufällig und unerwartet auf eine große Zahl junger Menschen, die Bock darauf haben, sich zu engagieren und ihre Zukunft nicht denen überlassen wollen, die bislang meistens darüber bestimmen (Politiker, Unternehmen, Eltern etc). Daraus ist bei ihnen u.a. das «Z2X»-Festival entstanden – das jetzt gerade wieder in diesen Tagen in mehreren Städten stattfindet. Und die Redaktion war einigermaßen erstaunt über die neue Welt, die sich dort auftat.

Von solchen Experimenten gibt es inzwischen wahrscheinlich schon so viele wie nie zuvor, die Redaktionen wissen ja um ihre Defizite. Vor ein paar Tagen erst habe ich eins bei dem Schweizer Magazin «Reportagen» gesehen: Leser sollen dort jetzt ihre Geschichten erzählen können, ggf. kommt ein Reporter zu ihnen nach Hause, um sie aufzuschreiben. Trotzdem brauchen wir noch mehr davon, das zeigt Hans Rosling deutlich – die Wirklichkeit bilden die Medien offenbar noch nicht ab. Meine Hoffnung ist, dass wir durch eine Annäherung an mehr Lebensrealitäten zu einem ausgewogeneren Gesamtbild kommen und somit das erreichen, was sich die Befürworter des «konstruktiven» Journalismus wünschen: eine entdramatisierte Welt, die trotz aller großen Probleme und Herausforderungen einen kühlen Kopf bewahrt und das feiert, was sie schon erreicht hat. Das ist nämlich gar nicht so wenig.

(Das Aufmacherfoto stammt von Branden Harvey)

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