Eine Aufgabe wie eine Mondlandung

Das »Manager Magazin« hat heute einen Text über die Lego Group veröffentlicht. Das Stück ist eine deutsche Zusammenfassung eines (zahlungspflichtigen) Artikels aus dem »Wall Street Journal« und beschreibt, wie der Nachhaltigkeitschef Tim Guy Brooks seit Jahren versucht, das verwendete Plastik durch umwelt- und klimafreundliche Stoffe zu ersetzen. Lego hatte ja angekündigt, seine Steine, Platten und Figuren bis 2030 nachhaltig zu machen.

Genau das ist aber nicht so einfach. 130 Millionen Euro hat Lego laut eigener Aussage in ein Forschungszentrum gesteckt und bereits mehr als 200 verschiedene Zusammensetzungen getestet, so Brooks – aber keine davon erfülle die hohen qualitativen Anforderungen. Wer Kinder hat, die mit Lego spielen, oder sich selbst noch daran erinnern kann, ahnt, wovon er spricht. Lego färbt nicht ab, es verformt sich nicht, die Stecksteine passen auch Jahrzehnte später noch wie am ersten Tag aufeinander, sie bleiben stabil und verlieren vergleichsweise wenig an Wert. Die Aufgabe, eine Alternative zu finden, sei so groß »wie bei der ersten Mondlandung«, sagt Brooks.

Ich finde das bemerkenswert, weil diese kleinen, scheinbar schlichten Steine in Erinnerung rufen, welche Herausforderung wir da als Gesellschaft vor uns haben. Plastik ist ein hochproblematischer Stoff, gar keine Frage, der »Plastikatlas« der Böll-Stiftung hat das gerade dokumentiert. Es ist klar, dass wir davon runterkommen müssen. Zugleich darf man engagierte Unternehmen wie Lego aber nicht mit Hoffnungen, Erwartungen und Kritik überfrachten, wenn das nicht so schnell gelingt wie vielfach angenommen wird. Für Aldi ist es vergleichsweise leicht, auf dünne Plastiktüten einen Preis zu erheben. Wenn es dagegen an das Kerngeschäft geht wie bei Lego, dann wird’s kompliziert.

Noch ein zweiter Punkt. Es geht um die Formulierungen. Christoph Rottwilm kommentiert beim »Manager Magazin«:

»Besonders fatal: Lego hat sich den Druck aus freien Stücken selbst auferlegt. Zwar ist es immer gut für das Firmenimage, etwas für Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu tun. Beim Thema Plastik richtet sich die Kritik der Öffentlichkeit jedoch in erster Linie gegen meist einmalig verwendete Erzeugnisse wie Tüten oder Strohhalme, die zu Unmengen von Plastikmüll führen. Legos Spielzeuge dagegen gelten als langlebig und werden oft auch nach Jahrzehnten nicht weggeworfen.«

Ist es wirklich »fatal«, dass Lego sich diesen Druck auferlegt? Der Autor glaubt, dass das Management naiv handelt und ohne Not ein Risiko eingeht. Weil sich die Investition nicht schnell rentiert, weil die Öffentlichkeit bislang nicht nach mehr Nachhaltigkeit bei Lego verlangt hat.

Nun ist es natürlich grundlegend, dass ein Unternehmen finanziell gesund ist. Nachhaltigkeit darf kein dauerhaftes Zuschussgeschäft sein. Und keiner scheitert gerne. Aber wir müssen aufhören, ein (vorläufiges) Scheitern als bloß negativ zu bewerten. Keiner weiß, wie es »richtig« geht, das bekommt man nur durch Versuch und Irrtum heraus. Durch Prozesse, die angestoßen und diskutiert werden.

Abgesehen davon: Lego handelt unternehmerisch. Es scheint seine Reputation nicht einzig als punktuelle Betrachtung der momentanen Beliebtheitswerte aufzufassen, sondern stellt eine Langzeitbetrachtung an. Was ist uns, was ist der Gesellschaft morgen und übermorgen wichtig? Welche Risiken entstehen dadurch, welche Chancen haben wir? Darauf reagiert das Unternehmen mit seinem Engagement. Mehr als 200 vergebliche Versuche hat es unternommen. Nicht schön. Aber sollte es beim 250. oder 300. Mal klappen, wäre das ein Durchbruch.

(Das Foto stammt von Iker Urteaga bei Unsplash)

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