Nachhaltigkeit muss raus aus der humorbefreiten Zone

Über den Klimawandel werden keine Witze gemacht. Über Öko-Aktivisten oder Veganer auch nicht. Hinter vorgehaltener Hand mag das anders aussehen, aber öffentlich? In Zeitungen, Fernsehen, Internet? Da sind grüne Themen und ihre Protagonisten eine ziemlich humorbefreite Zone. Auch daran merkt man, dass Nachhaltigkeit noch nicht im Alltag angekommen ist.

Mir ist das am Freitagabend wieder aufgefallen. Da lief im ZDF Jan Böhmermanns Sendung »Lass Dich überwachen! Die Prism is a Dancer Show« (mit einem Cover von Snaps »Rhythm is a Dancer«). Es war eine politische Hommage an die »Rudi Carrell Show«, bei der der Gastgeber (nichtsahnende) Zuschauer aus dem Publikum herauspickte und ihnen einen lang gehegten Traum erfüllte oder sie mit dem vor 30 Jahren aus den Augen verlorenen Schwipschwager wieder zusammenbrachte. »Lass Dich überraschen« hieß das damals.

Der Unterschied: War Carrells Team früher (die ARD-Sendung lief von 1988 bis 1992) auf die Hinweise von und die Zusammenarbeit mit Angehörigen angewiesen, konnte Böhmermann einfach einen Blick in die sozialen Medien werfen. 15 Mitarbeiter stalkten die (wieder nichtsahnenden) 199 Zuschauer im Saal zwei Monate lang vorab, durchsuchten Facebook, Instagram, Twitter und alle anderen Kanäle und gruben peinliche Gruppennamen (»Leibniz Nutten«) oder Party-Videos aus (Mann kracht stagedivend in eine Bar), die man eigentlich nicht im Fernsehen ausgestrahlt sehen will. Nicht mal im ZDF um Mitternacht. Böhmermanns Botschaft war eindeutig. Immer auf die Sicherheitseinstellungen achten, liebe Leute, alles nur privat posten, sonst kann man ausspioniert werden.

Gut möglich, dass mancher Zuschauer – im Saal und vor dem Fernseher – das als Vorführung empfand. Mir ging es nicht so. Jan Böhmermann ist der Spagat zwischen Gesellschaftskritik und kurzweiliger, alberner Unterhaltung (die Mallorca-Barden Ikke Hüftgold und Lorenz Büffel traten mit dem Song »Bertibumsbirne« auf und steckten einen Kandidaten in ein Birnenkostüm) gelungen. Und ich habe mich wieder einmal gefragt, ob so eine Show nicht auch mit nachhaltigen Themen möglich wäre, um mehr Menschen zum Handeln aufzufordern.

Fred Luks, der das Kompentenzzentrum für Nachhaltigkeit der WU Wien leitet, hat schon vor vier Jahren in seinem Buch »Öko-Populismus« darauf hingewiesen, dass Humor unabdingbar für die Vermittlung grüner Themen ist (kann man hier als aktualisierte Fassung nachlesen), aber viel zu kurz kommt. Er schrieb:

»Ein bisschen Spaß muss auch deshalb sein, weil er im Kampf gegen die Auswüchse der Korrektheit eine der wichtigsten Waffen ist. Einerseits zur Selbstverteidigung, um im Gestrüpp der Korrektheits­anforderungen und Sprachregelungen nicht verrückt zu werden. Anderer­seits als Gegenmittel gegen bisweilen apokalyptisch daherkommende Zukunftsszenarien, die entgegen dem Glauben vieler Aktivistinnen der »Nachhaltigkeit« nicht zum Andersmachen motivieren. Die Abwesenheit von Humor führt zu einer schlechten Stimmung. Das ist schlecht und nicht gut.«

Bislang versucht noch nicht mal jemand, das zu ändern. Zwar gibt es Sendungen wie »Die Anstalt«, die sich mit dem Klimawandel etc. befassen. Aber deren Humor richtet sich nur gegen die da oben. Der 7-Mal-die-Woche-Fleischesser, die Vielfliegerin oder – auf der anderen Seite – der militante Veganer, Öko-Spießer und penetrante Weltverbesserer bekommen nicht ihr Fett weg. Über sie darf man nicht lachen. Aber wäre das nicht ein viel entspannterer Umgang miteinander?

Jan Böhmermann hat gezeigt, wie das gehen könnte. In »Lass Dich überwachen« drehte er den Spieß um. Er kritisierte mal nicht Google oder Facebook, sondern Nutzer. Und er stellte sie, humorvoll, bloß.

Zugegeben: Dafür braucht man Mut, weil es unbequemer ist, als die üblichen Verdächtigen zu attackieren. Und im Vergleich zur Nachhaltigkeit ist es wahrscheinlich leichter, aus digitalen Themen eine Unterhaltungsshow zu machen. Es gibt einfach sehr viele Menschen, die die sozialen Medien mit ihrem Leben füttern und dabei sehr viele sehr lustige und peinliche Momente dokumentieren. Das ist kommunikativ und verbindend. Man wird miteinander ins Gespräch gebracht – und eben auch zum Lachen.

Bei der Nachhaltigkeit dagegen schweben über allem die Spielverderber Reduzierung und Verzicht. Die versprechen zwar ein »besseres Leben« – das aber sehr abstrakt und erst in ferner Zukunft. Das ist, wie auch Fred Luks sagte, wenig motivierend. Gerade deshalb muss mehr Spaß und Lust in die Debatte kommen. Erst dann wird sie wahrscheinlich entkrampft und normalisiert und kommt tatsächlich im Alltag an.

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