Nicht klagen. Kaufen

Als der »Spiegel« vorletzte Woche sein Cover (#27/18) veröffentlichte, gab es innerhalb sehr kurzer Zeit sehr viele Menschen, die sich darauf einschossen. Die darauf vertretene These (»Fußball, Politik, Wirtschaft – Es war einmal ein starkes Land«) wurde vehement und mit zum Teil hämischen Kommentaren abgelehnt.

Nur weil »Die Mannschaft« vorzeitig ausgeschieden ist und CDU und CSU sich einen unerbitterten Machtkampf lieferten, würde das noch nicht den Untergang des Landes bedeuten, war der einhellige Tenor. Zumal die Wirtschaft brummt, wie etliche bemerkten – und wie ein paar Tage später dann auch bei »Spiegel Online« zu lesen war. Direkt neben einem Hinweis auf die Ausgabe mit dem angesprochenen Cover.

Ich habe die Wahl des Titels auch für falsch gehalten. Aber gestört hat mich noch etwas anderes.

Nehmen wir einmal kurz an, der »Spiegel« hätte das Gegenteil seiner Geschichte zum Thema gemacht. »Ein starkes Land – trotz Fußball und Politik«, so in etwa. Das wäre faktisch vermutlich richtig gewesen. Aber hätte der Verlag damit einen Erfolg am Kiosk erzielt? Hätten mehr Käufer zugegriffen?

Natürlich lässt sich das nicht überprüfen. Und bitte nicht falsch verstehen: Ich halte hier kein Plädoyer für den tatsächlich gedruckten Titel. Aber: Ich habe große Zweifel daran, dass das, was die meisten implizit forderten – nämlich eine Umkehrung der negativen These – automatisch mehr Leser gefunden hätte. Positive Nachrichten verkaufen sich nach wie vor schlecht. Medienmacher, die es damit versuchen, werden zu selten belohnt. Das müssten sie aber, um ermutigt zu werden, häufiger gegen den Strom zu schwimmen.

Das Problem ist auch aus anderen Bereichen bekannt, ich habe das durch Gespräche mit verschiedenen Menschen in den vergangenen Tagen wieder erfahren. Nur drei Beispiele:

  • Ein deutscher Mineralölhändler bietet seinen Kunden seit geraumer Zeit an, das bei ihm gekaufte Heizöl zu kompensieren. Die Firma weiß, dass ihr Produkt schädlich fürs Klima ist, weist offen darauf hin und bietet an, als Ausgleich für das produzierte CO2 in Wiederaufforstungen oder andere Projekte zu investieren. Der Erfolg nach ein paar Jahren: »homöopatisch«, wie es bei dem Unternehmen heißt. Nur die wenigsten Kunden sind bereit, ein bisschen mehr zu zahlen.
  • Bauen ist ein großes Problem für die Umwelt. Der Ressourcenbedarf ist immens, die Abfallmengen, die bei Abrissen anfallen, sind es auch. Recycelt wird kaum, obwohl das möglich wäre, und die Lobby der herkömmlichen Hersteller wehrt sich gegen nachhaltige Baustoffe. Dabei gibt es für so gut wie alles einen adäquaten Ersatz, wie mir eine Professorin bestätigte – man müsse es nur kaufen. Macht aber keiner. Weshalb die (kleinen) Firmen, die sinnvolle Alternativen anbieten, es sehr schwer haben am Markt. Oder Konkurs anmelden müssen.
  • Ein wichtiger Hebel für Veränderungen ist das Geld. Welcher Bank man es anvertraut oder in welche Altersvorsorge oder Anlagefonds man es steckt, entscheidet mit über die Art der Wirtschaft, die man unterstützt. Die Zahl der Privatmenschen, die sich darüber aber ein paar Gedanken machen und sich gegen die herkömmlichen Institute entscheiden, deren Geschäft ohnehin nicht transparent ist, ist nach wie vor verschwindend gering. Vor ein paar Jahren noch waren sie Vorreiter vor den sogenannten institutionallen Anlegern (Stiftungen, Kirchen etc) – inzwischen aber wurden sie deutlich überholt.

Durch Kaufentscheidungen alleine wird sich selbstverständlich auch nicht alles ändern lassen. Der konsumierende Bürger ist nur ein Akteur in dem großen Spiel. Aber vielfach ist die Diskrepanz zwischen dem, was man fordert, und dem, wofür man tatsächlich sein Geld ausgibt, noch zu groß. Ich fürchte, dass das bei der genannten »Spiegel«-Ausgabe so wäre, und ich merke immer wieder, dass das bei Herstellern nachhaltiger Produkte der Fall ist.

Vielleicht wäre es also mal an der Zeit, nicht weiter die Missstände zu beklagen. Und häufiger einfach mal das zu unterstützen, was man gut findet. Es wäre ermutigend. Gerade auch für die, die versuchen, ihre – guten, sinnvollen, ethisch-ökologischen – Produkte auf den Markt zu bringen.

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