Plädoyer für den Ablasshandel

Über den Sonderbericht des IPCC letzte Woche ist ja zurecht viel berichtet worden. Die Kernaussagen und welches Handeln daraus folgen sollte, will ich hier nicht wiederholen, das kann man schnell und besser woanders nachlesen. Mir geht’s um einen Punkt, auf den der Wissenschaftler Oliver Geden in einem Interview hinwies. Er sagte, dass die Staatengemeinschaft die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius nur dann erreicht, wenn sie Emissionen, die sich partout nicht eliminieren lassen, durch »negative Emissionen« ausgleicht. Was man darunter verstehen würde, beantwortete er so:

»Schon emittiertes Kohlendioxid (CO₂) aus der Atmosphäre zu entnehmen. Man denkt dabei oft zuerst an Maßnahmen wie Aufforstung. Man kann sich auch ein Dutzend technischer Möglichkeiten vorstellen: Etwa CO₂ durch Biomasse binden, diese Pflanzen in Kraftwerken verbrennen und das CO₂ anschließend unter die Erde bringen. Man kann auch Moore renaturieren* oder CO₂ direkt aus der Umgebungsluft ziehen und unter der Erde speichern. Da gibt es viele Möglichkeiten.«

Nun wäre es natürlich falsch, das Heil ausschließlich in neuen Technologien zu suchen – die, wie Geden auch erklärt, nicht mal richtig erforscht sind. Aber dieser Punkt ist doch interessant: Da gibt es eine Reihe von Ideen, um die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre zu senken – und wir nutzen sie nicht. Oder diskutieren noch nicht mal darüber. Oder nur in sehr beschränktem Maße.

Wenn es um nachhaltiges Handeln geht, tut sich Deutschland schwer, neue Wege einzuschlagen oder mal was auszuprobieren. Die reine Lehre ist Umweltschützern und Aktivisten heilig – und sie lautet: Wir müssen Verzicht üben. CO₂ darf gar nicht erst emittiert werden und in die Atmosphäre gelangen. Weniger fliegen, weniger Auto fahren, weniger Fleisch und so weiter. Das ist alles sehr richtig. Es hat aber den Haken, dass diese Lösung seit Jahrzehnten propagiert wird und trotzdem nichts passiert. Auch die Deutschen sind äußerst träge, unfähig zum Wandel, zumindest zu so einem radikalen.

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Ich schreibe das hier auch, weil ich – und damit beginnt jetzt der Werbeblock – in den vergangenen Monaten an einem Buch mitgearbeitet habe (lektoriert, nicht geschrieben), das jetzt auf den Markt kommt und sich detailliert mit der von Oliver Geden erwähnten Kompensation klimaschädlicher Gase befasst: »Der Milliarden-Joker«. Der Autor Franz Josef Radermacher kritisiert, dass das Kompensieren von Umwelt- und Klimaschützern häufig als »Ablasshandel« und »Greenwashing« schlecht geredet wird, weil sie befürchten, dass das eigentliche Ziel (die Vermeidung von CO₂, siehe oben) missachtet wird, nach dem Motto: Fliegen ist ja doch gar nicht so schlimm, man muss hinterher nur ein wenig mehr dafür zahlen, und dann ist der Schaden wieder ausgeglichen.

Gerade weil die Politik und die Gesellschaften aber nicht schnell genug vorankommen mit dem Klimaschutz, muss jetzt ein ergänzendes Instrument her, so Radermacher. Das Kompensieren könnte uns, wenn man es im großen Stil anwendet, Zeit gewinnen und radikale Maßnahmen hinauszögern, die Regierungen sonst womöglich ergreifen müssten, die aber politisch zu unkalkulierbaren Szenarien führen könnten – und (wahrscheinlich) Populisten zusätzlich in die Karten spielen würden.

Radermacher rechnet das in seinem Buch durch und ruft die Politik dazu auf, vor allem die »Top Emitters« von freiwilligen Kompensationsleistungen zu überzeugen. Diese Personen führen einen aufwendigen Lebensstil und produzieren jährlich ein Vielfaches oder gar hundertmal mehr CO₂ im Jahr als der durchschnittliche Deutsche (ca. 11 Tonnen). Deutschland sollte dabei vorangehen, plädiert Radermacher, und sich als erster Staat nicht nur klimaneutral, sondern klimapositiv stellen, also mehr kompensieren, als die Deutschen an CO₂ produzieren. Das wäre nicht nur fürs Klima gut, sondern schaffe durch die finanzielle Transferleistungen in Länder des Südens auch »Co-Benefits« in Form von Einkommen, Arbeitsplätzen und gesellschaftlicher Stabilität. Der Gedanke: Wenn Individuen, staatliche Stellen, Organisationen und Unternehmen im Westen Geld für Aufforstungen oder andere Maßnahmen zahlen, die in Entwicklungs- und Schwellenländern wirksam werden, würde man mehrere Probleme zugleich anpacken.

Auf privater Ebene ist der Gedanke noch nicht sehr weit verbreitet. Fluggesellschaften verzeichnen nur einen sehr kleinen Prozentsatz von Gästen, die bei der Buchung ihrer Reise das dabei entstehende CO₂ mit einer zusätzlichen Zahlung kompensieren. Anbieter wie Atmosfair oder My Climate – über die man z.B. ein Abo abschließen kann – verzeichnen bislang keinen großen Ansturm, wenn ich das richtig sehe. Unternehmen, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen, nutzen das Instrument schon eher, um sich »klimaneutral« zu stellen.

Insgesamt aber ist die Diskussion sehr verhalten. Sehr viele Menschen kennen sich bei dem Thema nicht aus, und das Image der Kompensation ist vor allem bei Hardlinern schlecht. Umso gespannter bin ich, wie die Impulse von Oliver Geden und Franz Josef Radermacher aufgenommen werden. Sie haben eine Chance verdient.

* P.s.: Um die Renaturierung von Mooren geht es in der aktuellen Titelgeschichte des Magazins »Katapult«. Die ist sehr interessant und faktenreich, und sie wird durch ein wunderbar minimalistisches Cover angeteasert. Dort stehen lediglich zwei Sätze: »Jährlicher CO₂-Ausstoß durch weltweiten Flugverkehr in Mio. Tonnen: 859.« Und: »Jährlicher CO₂-Ausstoß durch von Menschen entwässerte Moore in Mio. Tonnen: 1632.«

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