Saufen für Beton

Ich habe in den letzten Wochen wieder für den »Stern« gearbeitet, diesmal an drei Geschichten, die heute in einer zehnseitigen Strecke erschienen sind.

Zum einen war ich in Darmstadt, um den Alnatura-Gründer Götz Rehn zu treffen, der mir seine neue, fast fertige Zentrale gezeigt hat. Deren Wände sind aus Lehm entstanden und kommen ohne zusätzliche Kunststoffe aus, wie das bei herkömmlichen Bauten üblich ist. Es ist ein imposanter Bau, der Rehn einen »mittleren zweistelligen Millionenbetrag« kostet, wie er sagt (was er als verhältnismäßig günstig beschreibt) und den er mit seinen 500 Mitarbeitern, die derzeit noch in Bickenbach sitzen, Ende des Jahres beziehen wird. Natürlich Stoffe, die man problemlos und umweltschonend wieder einsetzen kann, sind selten in der Baubranche – und das, obwohl die Ressourcen weltweit knapp werden, Beton viel CO2 produziert und alleine China zwischen 2011 und 2013 mehr Beton verbrauchte als die USA im gesamten 20. Jahrhundert.

 

 

Für die zweite Geschichte bin ich in Hannover-Linden gewesen, beim Platzprojekt. Das ist eine Art Containerdorf für Gründer, die (nachhaltige) Ideen aber wenig Geld haben und sich in Industriecontainern ein Büro, eine Werkstatt oder ein Atelier einrichten und sich ausprobieren können. 50 dieser Metallboxen stehen auf dem 2500 Quadratmeter großen Gelände inzwischen herum – und nebenan gibt’s einen Skatepark, mit dem alles begann. Ursprünglich suchten die Gründer auf der Industriebrache nämlich nur nach einem freien Platz zum Skaten und haben hier einfach mal angefangen, Beton zu mischen, Partys zu feiern (»Saufen für Beton«) und Ramps zu bauen. Inzwischen ist daraus ein utopischer Sehnsuchtsort mit Gemeinschaftsgarten geworden, an dem die Macher neue Formen des Arbeitens und Zusammenlebens testen. Alleine sind sie damit übrigens nicht: Solche Projekte gibt’s inzwischen auch in Nieklitz, Wuppertal, Berlin, Zürich und von Fynn Kliemann.

 

 

Und dann habe ich noch die Schauspielerin Ulrike Folkerts und den Fondsmanager Alfred Platow zum Interview getroffen und mit ihnen über Geld gesprochen. Platow ist Gründer der Kapitalanlagegesellschaft Ökoworld und hat vor mehr als 40 Jahren begonnen, alternative Möglichkeiten für Anleger zu schaffen, und Folkerts setzt sich seit ein paar Jahren ebenfalls für dieses Thema ein. Der zehnte Jahrestag der Insolvenz der US-Bank Lehman Brothers (15. September) erinnert uns ja daran, welche Folgen es haben kann, wenn Gier, lasche Kontrollen und freizügige Gesetze zusammenkommen. Und Umfragen zufolge wollen die Deutschen ihr Geld  nicht nur in Sicherheit wissen, sondern wünschen sich, dass es auch über die finanzielle Rendite hinaus positive Effekte hat. Allerdings handeln sie wie so oft nicht nach diesen Prinzipien. Wahrscheinlich ist es auch noch zu wenig bekannt, aber: Laut dem Marktbeobachter Forum Nachhaltige Geldanlage sind nur drei Prozent der deutschen Anlagen nachhaltig investiert. Der Markt wächst – aber auf sehr bescheidenem Niveau. Und wenn es z.B. Fonds gibt, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahne schreiben – 461 werden im deutschsprachigen Raum momentan gezählt –, dann überzeugen längst nicht alle davon mit ihren ethisch-ökologischen Kriterien. »Das ist Volksverdummung«, sagt Alfred Platow über die allermeisten. Das ist drastisch formuliert, lässt sich aber nicht ganz von der Hand weisen. Mittlerweile versuchen Akteure von Banken, der Deutschen Börse, dem Rat für Nachhaltige Entwicklung und EU-Politiker, mehr Nachhaltigkeit in die Finanzwelt zu bringen (etwa durch ein »Hub«, »Sustainable Finance Gipfel« und »Aktionspläne«), gerade in Deutschland gibt es da großen Nachholbedarf. Aber auch hier gilt: Es geht nur sehr langsam voran.

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