Standardsituationen der Digitalkritik

130 Workshops, Vorträge und Podiumsdiskussionen an zwei Tagen und mehr als 1300 Teilnehmer. Gemessen an Zahlen wie diesen war die »Bits und Bäume«, die Konferenz für Nachhaltigkeit und Digitalisierung, am vergangenen Wochenende in der Technischen Universität Berlin ein Erfolg.

Eingeladen hatten mehrere Organisationen. Neben der TU gehörten auch der Chaos Computer Club, BUND, Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung, Open Knowledge Foundation, Germanwatch, Deutscher Naturschutzring, Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung, Konzeptwerk Neue Ökonomie und Brot für die Welt zu den Trägern. Sie wollten die Öko- und die Hacker-Szene zusammenzubringen, damit beide Seiten, die bislang isoliert voneinander arbeiten, gemeinsame Sache machen. Das ist nachvollziehbar, denn angesichts der fortschreitenden Digitalisierung wird immer deutlicher, dass ethische, soziale und ökologische Fragen der Entwicklung beantwortet werden müssen. Andererseits können (neue) Technologien auch beim Umwelt- und Klimaschutz helfen.

Ist der Plan nun aufgegangen? Schwer zu sagen, zumal ein Wochenende dafür zwangsläufig zu kurz ist. Mir sind aber drei andere Dinge aufgefallen. Eine Kurzkritik.

1. Weniger wäre mehr gewesen. Die Zahl der Beiträge war überwältigend. Zu jedem Zeitpunkt liefen 10, 15 parallele Veranstaltungen. Abhilfe schaffen die aufgezeichneten Videos und Audios, die der CCC im Netz dankenswerterweise zur Verfügung stellt. Nach meinem Besuch in Berlin bezweifel ich aber, dass ich viel aufholen werde. Die Sessions, die ich gesehen habe, waren zum großen Teil unstrukturiert, fehlplatziert, in ein zu enges zeitliches Korsett gezwungen oder haben mich mit Fragen zurückgelassen. Eine Frau berichtete von ihrem Hilfsprojekt, mit dem sie gespendete medizinische Geräte nach Afrika brachte. Vorbildlich – ging aber am Thema der Konferenz vorbei. Zwei Wissenschaftler versuchten darzulegen, wie man den Online-Handel grüner machen könnte. Sie redeten über Amazon & Co., gaben aber stellenweise zu, dass ihre (nicht neuen) Ideen illusorisch seien oder dass sie – wenn es um Regulierung ging – gar keine Vorschläge parat hatten. Dazu kam: Durch das Lesen des Programms erschloss sich kaum, wer sprechen/auftreten würde und worum es konkret gehen sollte. Es hätte der Konferenz gut getan, das Programm zu entschlacken, bewusster Schwerpunkte zu setzen und strenger zu kuratieren, um präziser auf den Punkt zu kommen.

2. Mehr Macher einladen. Frank Rieger vom CCC sagte am Sonntag Vormittag auf der Hauptbühne, dass man schlechte Geschäftsmodelle durch gute Geschäftsmodelle kaputt machen könnte und sollte. Er meinte, dass es Alternativen zu den bekannten Plattformen aus dem Silicon Valley bräuchte. Der Haken: Auf der »Bits und Bäume« war davon so gut wie nichts zu sehen. Stattdessen dominierten bekannte Positionen der Kapitalismuskritik à la »Facebook muss zerschlagen werden«. Das kann und muss man diskutieren – aber wenn sich das Programm darin erschöpft, bleibt der Diskurs passiv. Vorwärtsgerichteter wäre es gewesen, auch Sozialunternehmer, Start-ups und KMUs einzuladen. Macher also, die weniger lamentieren und mit ihren (nachhaltigeren) Angeboten versuchen, eine breitere Öffentlichkeit anzusprechen. Und zeigen könnten, wie sich der Kapitalismus auch für die eigenen Ziele und Zwecke nutzen ließe.

3. Nicht nur über jemanden reden. In den Panels wurden – mal mehr, mal weniger – immer wieder Forderungen gestellt (Netzpolitik.org hat sie hier gebündelt aufgeschrieben). Die Adressaten waren die Politik und die Wirtschaft. Diese Akteure müssten aktiv werden, etwas verändern, sich fairer und ökologischer verhalten, ihre Geschäftsmodelle anpassen, das war der Tenor. Selbst zu Wort kamen sie allerdings nicht, denn sie waren auf der Konferenz nicht vertreten. Das Ziel der »Bits und Bäume« mag ein anderes gewesen sein – nämlich NGO-Aktivisten zusammenzubringen, damit sie eine breitere Front bilden. Aber parallel dazu wird gerade intensiv über die KI-Strategie der Bundesregierung gesprochen. Autohersteller forschen an autonomen Fahrzeugen. Das autoritäre China prescht mit seinem »Social Scoring« nach vorne. Wissenschaftler und Berater prophezeien, dass sich Arbeitsplätze noch massiver verändern als bisher. Unternehmen unterschiedlichster Branchen machen sich Gedanken darüber, ob sie nach einer »Corporate Social Responsibility« jetzt auch eine »Corporate Digital Responsibility« brauchen. Ich glaube, dass es bereichernd gewesen wäre, auch diese Seiten zu hören. Um sie zu verstehen, um zu lernen – und nicht zuletzt: um Einfluss zu gewinnen. Vom Elfenbeinturm aus wird es schwer, das zu erreichen.

Ps.: Die Headline ist geklaut und leicht abgewandelt. Das Original stammt von Kathrin Passig und ihren Text, der nichts mit Nachhaltigkeit zu tun hat, kann man hier nachlesen. Was man wirklich tun sollte.

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