Tod dem Totschlagargument

In der Sendung von Markus Lanz gestern Abend waren nur zwei Gäste eingeladen, »Zeit«- Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi. Sie unterhielten sich (Lanz warf immer wieder zustimmende Stichworte rein) über verschiedene Themen, unter anderem auch darüber, dass man heute nicht mehr differenziert diskutieren könne. Di Lorenzo erklärte, dass »die gesellschaftliche Mitte« sich die Debatte und den Streit zurückerobern müsste und nicht länger zusehen dürfte, wie von den linken und rechten Rändern Extrempositionen proklamiert und letztlich mehrheitsfähig gemacht werden. Dohnanyi stimmte dem zu. Glaubwürdig war das allerdings nicht.

Denn ein paar Minuten zuvor hatte Lanz ihn nach seiner Meinung zu den »Friday for Future«-Protesten gefragt. Knapp zusammengefasst: Von Dohnanyi hat für die Bewegung kein Verständnis. Und zwar nicht, weil »wir den Klimawandel brauchen«, wie er in einem Versprecher erklärte. Sondern weil die jungen Menschen es sich »viel zu leicht« machen und über ihre Äußerungen und Proteste hinaus »keine Opfer bringen«, etwa, indem sie am Wochenende den verpassten Schulstoff nachholten. Außerdem handelten sie nicht konsequent, weil sie im Winter Avocados essen und mit dem Flugzeug zum Skifahren fliegen würden. Er selbst hätte früher im Winter Kohlrüben gegessen und Urlaub im verregneten Harz gemacht. Da müsste man doch mal anfangen, so von Dohnanyi, der gar nicht erst versuchte, seine Kritik als Vermutung zu kaschieren. »Es ist keine Vermutung, ich weiß es genau, die große Mehrheit wird nicht auf das Auto verzichten, wenn sie nachmittags zum Ballett gefahren wird.«

Ich erwarte nicht, dass ein 90-Jähriger alles versteht, was Kinder und Jugendliche bewegt. Und wahrscheinlich findet er Plakate wie »Fuck me – not the Climate« (hochgehalten von einem etwa 16 Jahre alten Mädchen in Hamburg letzten Freitag), »Mein Bier wird warm« oder »Drugs: Now that I have your attention, let’s talk about Climate« nur so mittellustig. Aber mit plumpen Behauptungen, denen er keine Belege folgen ließ, den Demonstranten das Recht abzusprechen, demonstrieren zu dürfen, ist absurd und ärgerlich. Er pauschalisiert und differenziert nicht, wie er es doch eigentlich momentan gerade fordert angesichts unserer verhärteten Debatten-Fronten. Die Kinder und Jugendlichen und ihre sympathisierenden Eltern dürften sich davon motiviert und angestachelt fühlen. Nur in der Sache kommen wir so nicht weiter.

Zumal von Dohnanyi ein Muster bedient, das leider häufig anzutreffen ist und dem immer wieder wiedersprochen werden muss. Es ist die Mär von der Konsequenz. Demnach dürfe man sich nur dann ökologisch äußern oder sein nachhaltiges Verhalten nach außen tragen, wenn man durch und durch öko ist. Veganer mit Lederschuhen – geht nicht. Unglaubwürdig. Klimaaktivisten, die zu einer Klimakonferenz in Südamerika fliegen – können es ja wohl nicht ernst meinen mit ihrem Engagement. So wird immer wieder argumentiert, beim Grillfest in der Kita und eben auch in TV-Talkshows von Elder Statesmännern der Politik.

Dabei gehört der Widerspruch zu den prägenden Merkmalen unserer Zeit. Jeder hat seine fest im alltäglichen Konsum eingebrannten Sollbruchstellen. Niemand handelt konsequent, niemand ist wirklich nachhaltig. Keinem gelingt es, nur die klimaverträglichen zwei Tonnen CO2 pro Jahr zu produzieren – alle liegen (deutlich) drüber. Es gibt nämlich viel zu viele Hindernisse, Gewohnheiten und äußere Zwänge, die letztlich zum Klimawandel führen. Das muss schnellstens angegangen und geändert werden, auf einer individuellen und unbedingt mit noch viel mehr Nachdruck auf einer institutionellen und damit politischen Ebene.

Aber gerade Kindern und Jugendlichen dieses Verhalten und die Umstände vorzuwerfen, zu denen sie vergleichsweise wenig beigetragen haben, halte ich für ein wohlfeiles Totschlagargument.

Und noch etwas. Von Dohnanyi sprach den Demonstranten die Fähigkeit ab, zu erkennen, wie komplex gesellschaftlicher Wandel ist und dass es mit Forderungen alleine nicht getan ist. Es mag sein, dass das bei einer Mehrheit der noch sehr jungen Menschen so ist. Trotzdem kann ich nicht erkennen, dass sich deren Proteste von anderen Streiks unterscheiden. Wenn Gewerkschaften auf die Barrikaden gehen, mehr Lohn für ihre Mitglieder fordern und diese im Zweifel an einem Werktag auf die Straße lotsen, dann argumentieren sie auch nicht im Sinne des Allgemeinwohls. Sondern sie vertreten ihre eigenen Interessen und stellen diese provokant zur Schau. Was daran anders (und besser) sein soll als die »Friday for Future«-Proteste, ist mir ein Rätsel.

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