Wenn Designer an der Oberfläche kratzen

Heute Abend wird Apple im »Steve Jobs Theater« mal wieder ein paar Neuigkeiten präsentieren. Die »Süddeutsche Zeitung« hat als Vorschau auf das »Special Event« (Apple) mit dem Designer Hartmut Esslinger gesprochen, der einst für Jobs gearbeitet hat und als Instanz seiner Branche gilt. Esslinger wirft dem Konzern vor, inzwischen träge und satt zu sein. Das mag stimmen, mich hat an dem Interview aber etwas anderes erst interessiert und dann irritiert. Denn zum einen sagt Esslinger etwas Kluges, nämlich:

»Als Designer muss ich mich fragen: Wie schaffe ich, das Ganze menschlicher zu machen? Um ein Massenprodukt zu schaffen, muss man etwas tun, das neu ist. Es braucht aber auch eine vertraute Weise, damit umzugehen. Stattdessen kommt von vielen Unternehmen Abgelutschtes, das man immer weiter poliert.«

Das ist eine – wie ich finde – richtige Beobachtung. Sie gilt auch für sehr viele Start-ups, die außer der Idee, ein Unternehmen gründen zu wollen, häufig sehr wenig zur tatsächlichen Verbesserung der Welt beizutragen haben (was trotzdem bedeuten kann, dass sie ein finanziell funktionierendes Geschäftsmodell haben). Andererseits sagt Esslinger etwas sehr Arrogantes. Auf die Frage, wie Smartphones nachhaltiger werden könnten, antwortet er: 

»Das ist eine sinnlose Frage. Wir haben das Problem mit der Klimaerwärmung. Wir verbrauchen Milliarden Tonnen von Erdöl, verbrennen Müll, verschmutzen die Ozeane. Dazu noch der Dieselskandal. Das finde ich heuchlerisch. Smartphones sind das kleinste Problem. Einfacher wäre es, die Verpackung abzuschaffen, und Plastikflaschen, Strohhalme, Pappbecher. Es gibt zwanzig Probleme, die vor dem Smartphone dran sind. Wir müssen dort anfangen, wo es wirklich wichtig ist.«

Mit anderen Worten: Er, Esslinger, der Designer und Entwickler, der den Klimawandel als Problem erkannt hat, sieht keinen Bedarf, bei sich anzufangen.

Das ist eine erstaunliche Haltung für jemanden, der eigentlich für sich in Anspruch nimmt, in seiner Arbeit zeitlos, langfristig, werterhaltend und zukunftsweisend zu denken. Ich glaube, dass das Gegenteil richtig ist. Das Smartphone ist eines der mächtigsten und verbreitetsten Symbole und Instrumente des alltäglichen und umfassenden Wandels, den wir erleben – womit sonst könnten und sollten wir lernen, wie man mit der Digitalisierung UND mit der Frage nach mehr Nachhaltigkeit umgeht? Konsumwahn, Elektroschrott, Datensicherheit, neue Formen des Arbeitens, Hate-Speech, Rohstoffverbrauch – all diese und noch mehr Themen kann man über das Smartphone transportieren und adressieren und so zu einer notwendigen Diskussion beitragen. Aber davon soll sich der Designer lieber fern halten. Sagt Hartmut Esslinger.

Wie es anders geht, zeigt zum Beispiel der Hamburger Carsten Buck (Offenlegung: Carsten hat für uns bei »enorm« einst eine Kolumne geschrieben). In seinem Buch »Zombie Design« (zusammen mit dem Autoren Fred Grimm) und in seiner Arbeit versucht er dafür zu sensibilisieren, dass Design wesentlich mehr ist als das Entwerfen schicker Oberflächen und das Verführen williger Kunden (unten im Video: Sein TED-Talk im Herbst 2017 in München). Zu einem zeitgemäßen Entwurf gehören auch Fragen nach dem Lebenszyklus eines Produkts, sagt er. Also: Wie sieht es mit der Umwelt- und Klimaverträglichkeit der Rohstoffe und Einzelteile aus? Ist die Lieferkette sozial gestaltet? Wird Überflüssiges weggelassen und langlebig gefertigt, mit der Möglichkeit, eine Ware reparieren zu können, wenn sie doch mal kaputt gehen sollte? Das sind Fragen, die Designer bislang noch zu wenig beachten. Auch in der Ausbildung werden sie zu selten gestellt. Dass man in Köln Eco-Design studieren kann, gehört zu den großen Ausnahmen in Deutschland.

Hartmut Esslinger jedenfalls hat von der Möglichkeit ganz offenbar noch nichts gehört.

Schreibe einen Kommentar