Wir diskutieren in Extremen

Bernd Ulrich, der Vize-Chef der »Zeit«, hat letzte Woche eine Reihe von Menschen gegen sich aufgebracht, mit gerade mal vier Sätzen zur anhaltenden Diskussion über Friedrich Merz’ Eignung für den CDU-Vorsitz und eine mögliche Kanzlerschaft. Er twitterte:

»Mich interessiert weniger der Kontostand von #Merz als sein ökologischer Fußabdruck. Wieviel CO2 produziert sein Lebensstil? Warum denkt jemand, mit einem Privatflugzeug durch die Gegend fliegen zu dürfen? Wieso wurde er das noch nie gefragt? #klimawandel«

Mehr als 300 Antworten folgten auf die Provokation. Die deutliche Mehrheit lehnte den implizierten Vorschlag eines Verbots von Privatflugzeugen ab und wies darauf hin, dass es das gute Recht eines jeden Bürgers sei, dem Lebensstil nachzugehen, den er oder sie für richtig hält.

Ich will gar nicht ausführen, was mich an der klischeebeladenen, nicht sehr zugewandten »Diskussion«, bei der Ulrich nur auf die wenigsten Antworten reagierte, mal wieder alles ernüchtert hat. Stattdessen will ich auf zwei Punkte hinweisen, die mir in der öffentlichen Wahrnehmung häufig fehlen:

1. Es wäre ein scharfes Schwert der Politik, Flüge mit einer Linienmaschine oder einem Privatflieger zu verbieten. So etwas widerspräche unserem heutigen Verständnis von Freiheit fundamental. Andererseits: Wenn es weiterhin nicht gelingt, die Erderwärmung zu bremsen, kommen wir um drastischere Maßnahmen als bisher wahrscheinlich nicht herum. Und dazu könnte auch ein Flugverbot gehören. Weit hergeholt ist das nicht. Im Straßenverkehr passiert genau das bereits. Während Autofahrer, die Autokonzerne und die Politik in den letzten Jahren immer wieder betonten, dass sie auf keinen Fall Diesel-Fahrverbote wollten, griffen die Gerichte irgendwann durch und verhängten welche. Warum? Weil alle genannten Akteure zuvor nicht in der Lage waren, die bekannten (Umwelt-)Probleme abzustellen.

2. Bislang diskutieren wir in Extremen. Sie lauten in diesem Beispiel: Entweder wir verbieten das Fliegen und schränken die Freiheitsrechte ein – was gut fürs Klima wäre. Oder wir verpesten mit dem Fliegen weiterhin die Umwelt – bleiben aber eine liberale Gesellschaft. Abgesehen davon, dass sich diese Vorstellungen wandeln können und immer schon verändert haben: Es gäbe auch eine Art Zwischenlösung. Ich habe das hier vor ein paar Wochen schon mal beschrieben: Man könnte die CO2-Kompensation stärken und Emissionen, die sich nicht verhindern lassen, durch das Pflanzen von Bäumen oder die Renaturierung von Mooren ausgleichen. Entsprechende Zertifikate können Unternehmen und Institutionen genau so kaufen wie einzelne Flugpassagiere. Und es ist gar nicht mal so teuer, wie man meinen sollte. Um es an Friedrich Merz durchzurechnen: Würde er ein Jahr lang werktags zwischen Köln/Bonn und Berlin pendeln, also fünfmal pro Woche morgens hin- und abends wieder zurückfliegen, etwa mit einem A320, dann müsste er über das Unternehmen Atmosfair als CO2-Ausgleich 2600 Euro zahlen. Pro Jahr. Eine geradezu lächerliche Summe für einen Millionär wie Friedrich Merz.

Sicher: Gerettet wird das Klima dadurch nicht. Dazu müssen wir grundsätzlich von unseren zu hohen CO2-Emissionen runterkommen. Aber auf diesem Wege ließe sich etwas Zeit gewinnen, um Ideen und Lösungen für unsere Gesellschaft zu finden, die dauerhaft tragbar sind. Das setzt jedoch voraus, dass wir ernsthaft die verschiedenen Argumente abwägen – und uns online nicht weiterhin gegenseitig ankeifen.

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