Wollen Journalisten lernen?

Die TV-Talkshows sind in den letzten Wochen vielfach für ihre Themen- und Gästeauswahl kritisiert worden. Zu einseitig, zu wertend, zu quotengeil – so in etwa lauteten die meisten Vorwürfe. Alex aka @papaleaks hat daraufhin einmal seit dem 1. Januar 2015 nachgezählt und sein Ergebnis auf Twitter gepostet. Nimmt man die Sendungen von »Anne Will«, »Maischberger«, »Hart aber Fair« und »Maybritt Illner« zusammen, führen die Themen »Flüchtlinge & Integration« (73 Sendungen) das Ranking an, dicht gefolgt von »Trump, Erdogan oder Putin« (66). Danach tut sich eine erste Lücke auf, bis »Soziale Gerechtigkeit« (41) auf Platz drei folgt. Gänzlich abgeschlagen: »Gesundheit« (10), »Ernährung« (7), »Digitalisierung« (3) und »Natur- und Umweltschutz« (3).

Ein realistisches Abbild der Wirklichkeit ist das nicht, im Gegenteil: Ganz offensichtlich fallen zahlreiche Themen, die für unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben relevant sind – wie etwa der Klimawandel – Woche für Woche unter den Tisch. Die Aufmerksamkeitsökonomie spült seit Jahren die immergleichen Debatten nach oben.

 

 

Kann man das ändern? Das Netzwerk Weitblick versucht das. Der Verein hat sich vor gut drei Jahren gegründet, ich bin ziemlich früh Mitglied geworden, und das Ziel ist es, Journalisten für Themen der Nachhaltigkeit zu sensibilisieren und das Wissen um Zusammenhänge zu fördern. Gestern fand in Berlin zum Abschluss einer zweijährigen Qualifizierungsinitiative eine Netzwerk-Konferenz statt. Dort wurden auch 12 Handbücher vorgestellt, die in den vergangenen Monaten für den Einstieg und die Vertiefung in eine Reihe von Themen entstanden sind, darunter »Mobilität« (wozu ich einen Beitrag geschrieben habe), »Geldanlage und Finanzen«, »Storytelling«, »Lieferketten«, »Abfallwirtschaft«, »Energiewende« oder »Wasser«. Mit ihnen und dazugehörigen Workshops und Seminaren, die entwickelt wurden, sollen Journalisten, Redaktionen und Volontäre geschult werden. Die Erkenntnisse sollen in die Aus- und Fortbildung einfließen.

Ob der Plan aufgeht, steht noch nicht fest. Zwar gibt es erste, ermutigende Antworten aus den bisher gehaltenen Veranstaltungen. Aber es bleiben zwei elementare Fragen. Erstens: Wie gelingt es, Geschichten, die zwangsläufig auch mit Verzicht, Änderung der Lebensstile, gesellschaftlichem Wandel, Verlust von Arbeit, Angst und der Bedrohung durch die Klimakatastrophe zu tun haben, so zu erzählen, dass sie mit Interesse gelesen, gehört, gesehen werden? Dieses Vermittlungsproblem ist nach wie vor massiv. Das Publikum schaltet um, wenn die Dosis zu groß wird, und es döst weg, wenn es das Gefühl hat, zu viele der guten, motivierenden Geschichten über Vorbilder vorgesetzt zu bekommen. Mit guten Quoten oder einer hohen verkauften Auflage wird man in der Regel nicht belohnt.

Und zweitens: Wollen Journalisten sich dahingehend fortbilden? Oder kommen wir ihnen mit dem erhobenen Zeigefinger? Die Aus- und Fortbildung ist in unserer Branche in keinem guten Zustand. Wenn, dann geht es um technische Fragen, Social Media und »Mobile Reporting«, Handwerkliches zur Dramaturgie oder organisatorische Hürden: Wie gelingt es freien Journalisten, Themen an Redaktionen zu verkaufen? Eine inhaltliche Auseinandersetzung – nicht nur zur Nachhaltigkeit – findet nicht statt. Auch die häufiger gestellte Frage nach der »Haltung« einer Redaktion wird so gut wie nie diskutiert.

Dabei wäre das genau so wichtig wie eine Antwort darauf, wie Fort- und Weiterbildung künftig organisiert und bezahlt werden. Sie werden unerlässlich sein. Die Digitalisierung zwingt alle Menschen dazu, sich mindestens alle paar Jahre etwas Neues draufzuschaffen. Wie aber macht man das, wenn man im Strom des Alltags mitgerissen wird und ständig droht unterzugehen? Haben 35-, 40-, 50- oder gar 60-Jährige noch eine Chance, ihr Wissen zu aktualisieren? Wer zahlt ihr Gehalt oder ihr Honorar in der Zwischenzeit? Wie ernähren sie sich und ihre Familie? Mit einer Ausbildung zu Beginn des Lebens wird es nicht mehr gelingen, bis zur Rente durchzuhalten. Die Zeiten sind vorbei.

Was die Nachhaltigkeit angeht, wurde mir vor ein paar Monaten gezeigt, dass wir besonders sensibel vorgehen müssen. Ich habe Ende Februar einen Workshop mit Volontären einer öffentlich-rechtlichen Redaktion geleitet. Es ging um Mobilität und Nachhaltigkeit und am Ende des Tages war geplant, über Geschichten zu diskutieren, die die Volos in ihren jeweiligen Redaktionen vorschlagen könnten. Meine Rolle sollte es sein, mit ihnen Themen zu erarbeiten, diese ein wenig einzuordnen und Hinweise zu geben. Schon das aber war den Volontären zu viel.

Ihre Kritik: Ich sei als Abgesandter des Netzwerks Weitblick Lobbyist. Ich wäre befangen, würde Themen nur einseitig beleuchten und Gegenposition nicht angemessen darstellen können. Mit mir Geschichten abzustimmen, sei ein Eingriff in die Redaktionsfreiheit. Dass wir in den Stunden zuvor eine gute Diskussion auch über Widersprüche und Hindernisse nachhaltiger Mobilität hatten, dass ich von einem gemeinnützigen Verein kam, dass der öffentlich-rechtliche Sender mich gebucht und beauftragt hatte, dass ich selbst unabhängiger Journalist bin – all das interessierte in dem Moment nicht. Stattdessen wies ein Volontär darauf hin, dass es notwendig wäre, auch einen Lobbyisten der Automobilindustrie dazuzuholen. Erst dann sei ein Gleichgewicht für eine objektive Meinungsbildung und eine daraus folgende Berichterstattung hergestellt.

Ich halte diese Schlussfolgerung für falsch und könnte an dieser Stelle einige Punkte einwenden. Das ist aber nicht entscheidend. Wichtiger ist vielmehr, die Vorbehalte zu akzeptieren und zu verstehen. Und noch nachvollziehbarer und transparenter dafür zu werben, dass wir – bei notwendigen Pluralität der Meinungen – die Vielfalt eher stärken als schwächen wollen und dass mehr Nachhaltigkeit im Journalismus ein Gewinn wäre. Anders wird es nicht funktionieren.

 

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