Die Bevormundung der Erwachsenenbildung

In Deutschland sind die Grünen vor ein paar Jahren mit dem Vorschlag, einmal die Woche einen Veggie-Day einzulegen, gescheitert. Der Versuch wurde in der Öffentlichkeit so schmerzhaft zerrupft, dass die Partei einen vergleichbaren Vorstoß wohl nie wieder wagen wird.

In der Schweiz haben sie davon nichts mitbekommen. Oder sie sind besonders mutig. Tatsache ist jedenfalls, dass dort gerade ähnliche Ideen zur Abstimmung stehen. Das fordert die Kommentatoren heraus. Einer davon, Urs Bühler, endete seinen Beitrag in der “NZZ” mit diesen Worten:

“Im Schulwesen ist der öffentlichen Hand im Sinne des Bildungsauftrags zwar durchaus zuzugestehen, dem Nachwuchs aktiv die Ideen einer gesunden Ernährung zu vermitteln … Aus den Ernährungsgewohnheiten von Erwachsenen aber hat der Staat sich möglichst rauszuhalten, mit didaktischen Massnahmen ebenso wie mit direkteren Formen der Bevormundung.”

Ich finde diese Sätze bemerkenswert. Zum einen steckt darin nämlich die bekannte, häufig geäußerte Kritik, dass der Staat in Fragen der Ernährung nicht übergriffig werden darf. Andererseits aber trennt der Autor nach Alter. Kindern etwas über gesunde Ernährung erklären? Das ist Bildung. Erwachsenen etwas über gesunde Ernährung erklären? Das ist Bevormundung.

Aber ist es das tatsächlich? Weil Erwachsene schon alles kennen, wissen, können? Wann setzt diese umfassende, Yoda-hafte Weisheit ein – mit 18 Jahren? Mit 25 oder erst mit 50? Und war es damals, irgendwann in den 70ern (glaube ich), bevormundend, dass der Staat die Gurtpflicht im Auto nicht nur vorgeschlagen, sondern sogar verpflichtend eingeführt hat? Weil alle Erwachsenen doch so mündig waren und wussten, was sie da taten, als sie nicht-angeschnallt über die Autobahn rasten?

Ich halte diese Schlussfolgerung nicht nur für absurd, sondern auch in einem größeren Zusammenhang für arrogant und zukunftsblind. Denn in unserer zunehmend digitalen, vernetzten und komplex-dynamischen Welt, die wir gerade auch noch versuchen nachhaltig zu machen, gibt es kaum noch absolute Wahrheiten. Stattdessen kommt es immer stärker darauf an, gemeinsam an Ideen und Lösungen zu arbeiten, interdisziplinär und in Teams. Es kommt darauf an zu streiten, aber mit Gelassenheit, nämlich so, dass man noch die Argumente seines Gegenübers hört – und daraus lernt. Und das sollten nicht nur Kinder üben, wie der “NZZ”-Kommentator vorschlägt, sondern das sollten sich auch Erwachsene vornehmen. Die haben durchaus noch Nachholbedarf, wie man in Kommentarspalten, bei Social-Media-Debatten oder anhand der abgebrochenen “Jamaika”-Verhandlungen gerade erfahren muss. Dass man während so eines Prozesses des Regierens dann womöglich scheitern kann, das gehört dazu. Aber es gar nicht erst zu versuchen, damit erreichen wir auch keinen Fortschritt.

(Das Aufmacherfoto habe ich bei Unsplash.com gefunden und stammt von Jason Rosewell)

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