Tech for Good (4): Global Fishing Watch

Überfischung ist ein Problem. Ein massives, immer noch, trotz internationaler Abkommen, Fangquoten, Meeresschutzzonen und Aktivisten, die erklären, welche Fische man wann essen darf und worauf man beim Kauf achten sollte. Bis zu 26 Millionen Tonnen werden nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen jährlich illegal gefischt. Ein Grund: Kriminelle können – häufig genug – ungestört wildern. Die Ozeane sind viel zu weit, als dass Strafverfolger lückenlos patrouillieren könnten.

Auch die bislang eingesetzte Technik hat daran wenig ändern können. Zwar existiert eine Art Schiffs-GPS, »Automatic Identification System« (AIS) genannt, mit dem sich jedes Schiff weltweit orten lässt. Aber: Nur größere Schiffe sind verpflichtet, einen AIS-Sender zu installieren, einige Länder, wie Kanada zum Beispiel, verpflichten ihre Flotten erst gar nicht dazu. Zudem lassen sich die Sender manipulieren. So ist es für die Kapitäne an Bord möglich, die Sender auszuschalten oder die – eigentlich – individuell zugeordnete Signalnummer zu duplizieren.

Wer also versucht, manuell am Monitor die Bewegungen zu verfolgen und Schiffe darauf zu überprüfen, wann und warum sie vom Radar verschwinden, ist ebenfalls zum Scheitern verurteilt. Es gibt etwa 2,9 Millionen Fischerboote weltweit. Wie soll man die alle im Blick behalten?

Mit Künstlicher Intelligenz, sagt Global Fishing Watch (GFW). Die Non-Profit-Organisation, 2016 gegründet, setzt neuronale Netzwerke ein, Programme also, die selbstständig lernen, Muster zu erkennen und Alarm zu schlagen, sobald etwas darauf hindeutet, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht auf hoher See. Das mag abstrakt klingen, aber die Gründer von GFW können anhand der Profile ablesen, ob es sich bei den beobachteten Objekten um ein Fracht- oder Segelschiff oder um ein Fischerboot handelt, welche Fangausrüstung sie einsetzen und wann sie tatsächlich ihre Netze ausgeworfen haben und wann sie nur auf dem Rückweg zum Hafen sind.

Um das analysieren zu können, reichen die per Satelliten gewonnenen AIS-Daten nicht aus; sie sollen, so der Ursprung, eigentlich nur dazu dienen, Kollisionen zu verhindern und sind noch immer lückenhaft. Global Fishing Watch kombiniert die öffentlich zugänglichen Angaben deshalb mit weiteren, die zB. aus dem satellitengestützten »Vessel Monitoring System« (VMS), von Infrarotbildern und aus Radarüberwachungen stammen. Mehr als 65.000 Boote, die für 80 Prozent des Fangs in internationalen Gewässern verantwortlich sind, lassen sich so verfolgen – sie produzieren laut GFW jeden Tag 60 Millionen Datenpunkte. Die Organisation bereitet sie auf und stellt sie auf ihrer Webseite allen Interessierten zur Verfügung – Journalisten, Naturschützern, Aktivisten, Strafverfolgern (Anleitung findet man hier).

Wie so eine Zusammenarbeit aussehen kann, haben die Initiatoren der britischen Ausgabe von »Wired« erzählt. Bjorn Bergmann von GFW entdeckte im Januar 2016 eine ungewöhnliche hohe Zahl von AIS-Signalen in einem abgelegenen Teil des südlichen Indischen Ozeans. Sie waren regelrecht aneinandergereiht, was er sich nicht erklären konnte. Er schrieb einen Blogpost, den wiederum ein Sea-Shepherd-Kapitän in Australien zum Anlass nahm, sich auf den Weg zu dem beschriebenen Spot zu machen. Was er fand, war eine Flotte von Trawlern, die über Kilometer hinweg verbotene Treibnetze ausgeworfen hatten, um Thunfische, Haie, Delphine und Schildkröten zu fangen. Die AIS-Transponder hatten die Fischer an die Netze gehängt, um sie nicht zu verlieren.

Helfen konnte Bergmann auch der ecuadorianischen Navy 2017. Sie hatte ein Schiff, das unter chinesischer Flagge fuhr, aufgegriffen und mehr als 6.000 tote Haie an Bord gefunden, darunter auch solche, die grundsätzlich vom Aussterben bedroht sind. Während der Gerichtsverhandlung nannte der Verhaftete zwei taiwanesische Schiffe, von denen er die erlegte Ware übernommen hatte, so seine Behauptung. Bei Global Fishing Watch konnten sie aber nachweisen, dass der Kapitän log. Sie verfolgten die Route des konfiszierten Boots und ermittelten stattdessen vier Schiffe aus China, mit denen es sich auf hoher See getroffen hatte. 5,9 Milionen US-Dollar Strafe musste der Schiffsbesitzer zahlen – der Kapitän wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

Und noch einen Effekt kann die Daten-Arbeit haben. Neben den Fischen leiden auch Crews. Vor allem arme Menschen werden auf illegalen Booten zur Arbeit gezwungen, auch unter Androhung und Anwendung von Gewalt, und nicht selten sind diese Boote wochen- und monatelang auf den Meeren unterwegs, ohne dass sie einen Hafen anlaufen. Dieser Sklaverei können die Algorithmen ebenfalls auf die Spur kommen.

Zum weiteren Lesen:


Dieser Blogpost ist Teil einer Serie, in der ich Ideen, Gründer, Initiativen und Unternehmen vorstelle, die versuchen, mit digitalen Technologien den Klimawandel aufzuhalten und die globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Mehr zum Hintergrund habe ich auf dieser Seite aufgeschrieben.

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