Kurvenverhalten

Das öffentliche Leben runterfahren, sich ins Private zurückziehen, solidarische Distanz wahren, darum geht es jetzt. »Flatten the Curve« heißt das allerorten: Die Übertragungswege müssen unterbunden, die Zahl der Ansteckungen soll reduziert werden. Damit die Kurve der Infizierten mit dem Coronavirus flach und die medizinische Versorgung gewährleistet bleibt.

Auf eine andere Kurve, unsere CO2-Kurve, hat die schmerzhafte Notsituation einen positiven Effekt. Sie wirkt wie ein heilsamer Schock für Klima und Umwelt:

Diese positiven Kollateralschäden konnte man schon bei früheren Krisen beobachten, etwa bei der globalen Finanzkrise vor gut zehn Jahren, sind aber in dieser Radikalität doch bemerkenswert. Denn dass hochentwickelte Länder wie bei einem Dominospiel nacheinander den industriellen Ausschalter drücken und die Bürger*innen auffordern, ihren Konsum auf ein Minimum zu senken, ist nie zuvor dagewesen. Ist das also nun der ökologische Königsweg, der wahrgewordene Traum von Degrowth-Fundamentalisten, um die nachhaltige Zukunft durch Deindustrialisierung zu erzwingen?

 

 

Ralf Fücks hat diese Frage deutlich verneint. Er hielte es für »autoritär«, die momentanen Beschränkungen auch nach Ende der Corona-Krise aufrechtzuerhalten und glaubt, dass wir stattdessen ein »Mehr an Innovationen«, »höhere Investitionen zur Erneuerung des Produktionsapparates« und eine »Dynamisierung des Wandels« brauchen. In diesem Text wird u.a. darauf hingewiesen, dass der Markt für den Zertifikatehandel eingebrochen ist.

Der Stillstand ist nicht wegweisend, sondern zu einschneidend und verunsichernd. Er wird auch nicht länger Bestand haben als nötig, nicht zuletzt, weil der finanzielle Schaden quer durch die Gesellschaft immens ist und die Kassen nach der Krise wieder gefüllt, Kredite ab- und Hilfen zurückgezahlt werden müssen. Das Aufzehren von Reserven funktioniert nur, wenn das Minus hinterher durch Einnahmen ausgeglichen wird. Fabriken werden wieder laufen, Flugzeuge wieder fliegen. Was die CO2-Kurve wieder nach oben treibt.

Trotzdem gibt es drei Dinge, die wir mitnehmen können.

1. Bislang fehlte uns ein Gefühl für die Größe der Aufgabe der sozial-ökologischen Transformation. Wir konnten kaum sagen, was es bedeutet, die deutschen Klimaziele bis 2020 zu erreichen oder was es heißt, bis 2050 CO2-neutral zu sein. Viel zu abstrakt. Das ist ein Problem, denn wenn ein Bild für die Zukunft fehlt, kann man nicht darauf hinarbeiten. Durch die Corona-Krise bekommen wir jetzt einen Näherungswert. Wir erfahren, was wir alles tun bzw. unterlassen müssten, damit Umwelt und Klima tatsächlich geschont werden. Wir werden sensibilisiert.

2. Häufig stehen sich noch immer zwei Lager gegenüber: auf der einen Seite diejenigen, denen alles nicht schnell genug geht, die mehr Tempo und drastischere Maßnahmen fordern. Auf der anderen Seite diejenigen, die zur Vorsicht mahnen, nichts überstürzen wollten und auf den sozialen Ausgleich hinweisen. Die Corona-Krise könnte zu einem Verständnisgewinn auf beiden Seiten führen. Die Ungeduldigen erfahren gerade, was es heißt, wenn Menschen quer durch alle Schichten und Branchen verunsichert sind und nicht wissen, wie sie ihre Miete zahlen sollen, wenn der Stillstand vier, acht oder gar zwölf Wochen weitergehen sollte. Und die Geduldigen spüren momentan, dass ein höheres Tempo bei der CO2-Reduktion vielleicht nicht verkehrt wäre, wenn wir unseren Teil bis zu den 2020, 2030 und 2050 beitragen wollen (siehe 1.). Es käme – so meine Hoffnung – zu einer Versachlichung der Debatte.

3. Virologen wie Christian Drosten sind die neuen Popstars. Wir hängen an ihren Lippen, saugen jedes Wort auf, um alles präzise zu befolgen. Dieser akademische Lernwille ist lobenswert, zeigt aber auch, wie irrational wir mit dem Rationalsten umgehen, das wir kennen, nämlich der Wissenschaft. Bezogen auf den Klimawandel sind wir längst nicht so konsequent. Im (coronafreien) Alltag ignorierten wir bislang häufig, was Klimaforscher empfahlen. Der US-Astrophysiker Neil deGrasse Tyson brachte es vor ein paar Tagen in der »Late Show« von Stephen Colbert auf diese Formel: »I think we’re in the middle of a massive experiment, worldwide. The experiment is: Will people listen to scientists?« Man muss ja nicht gleich wie Mathias Döpfner, der Vorstandschef von Axel Springer, das Klischee der »Götter in Weiß« bedienen. Christian Drosten selbst hat schon mehrfach darauf hingewiesen, dass das Primat der Politik gerade auch in dieser Notsituation gelten muss und er »nur« ein beratender Wissenschaftler ist. Aber es würde sich schon einiges ändern, wenn wir, jeder für sich, nicht ganz so beratungsresistent blieben.


Nachtrag 21.3.: In diesem Artikel gehen Wissenschaftler soweit, dass die ökologisch positiven Folgen in China mehr Menschen vor dem Tod bewahrt haben könnten als die Pandemie Opfer gekostet hat bzw. haben wird.

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