Silicon Valley: Der Mut der Verzweifelten

Die Frau auf dem Foto heißt Vanessa. Ich habe sie am letzten Freitag zum ersten Mal getroffen und am Sonntag einen Tag lang beim Shoppen begleitet. Sie hat das nicht zum privaten Vergnügen gemacht, sondern ist für andere Menschen und Familien unterwegs gewesen, um deren Lebensmittel einzukaufen. Die Aufträge dazu kommen per App rein, zu manchen Zeiten im Sekundentakt, und wenn ein passender dabei ist, klickt Vanessa auf den Button auf ihrem Screen und übernimmt die Lieferung.

Die 35-Jährige lebt von solchen Arbeiten. Sie ist Gig-Workerin. Nicht irgendwo, sondern im Silicon Valley, dort, wo diese Art des Geldverdienens erfunden wurde. Wenn man sie nach ihren Erfahrungen fragt, kann sie eine Menge erzählen. Wie sie Google-Gründer Larry Page beliefert hat etwa und dass sie Aufträge von Tech-Firmen meidet, weil sie unverhältnismäßig viel bestellen und deren Angestellte beim Reintragen nie mit anpacken.

Weil es noch unzählige weitere Fehler in diesem System gibt, kleine und sehr große, hat Vanessa vor einiger Zeit angefangen, gegen den Betreiber der App vorzugehen. Sie will sich nicht länger damit abfinden, dass Tech-Start-ups aberwitzig viel Geld umsetzen und sie einen kargen Lohn erhält, der, je nach Laune des Unternehmens, auch noch kleiner wird und von dem man hier, in einer teuren Region, wo die Kosten fürs Leben und Mieten oder Kaufen eines Hauses stark nach oben gegangen sind, nur schwer leben kann. Sie hat eine Non-Profit-Organisation für Gig-Worker gegründet und macht das, was die Amerikaner »Organizing« und »Collective Action« nennen. Sie versucht, möglichst viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu finden, um gemeinsam Veränderungen durchsetzen zu können. Ein paar »Wins« hatte sie schon. Es bleibt aber noch viel zu tun. Und es gilt, noch viel mehr Gig-Worker zu erreichen. Allein für die App, für die sie am Sonntag Lebensmittel ausgefahren hat, sind in den USA inzwischen 750.000 Frauen und Männer tätig, schätzt sie.

In den vergangenen zehn Tagen war ich in Seattle und in der Bay Area, um Menschen wie Vanessa kennenzulernen. Möglich war das durch das »Transatlantic Media Fellowship« der Böll-Stiftung in Washington D.C. Ich habe mit Leuten gesprochen, die sich zum »Tech Worker Movement« zählen, einer Bewegung, die das Ziel hat, den Sektor – und damit etwa Konzerne wie Amazon, Google, Facebook, Apple und Microsoft – von innen heraus zu verändern. Übrigens nicht nur, wenn es um die Arbeitsbedingungen geht, sondern auch etwa bei Themen wie Klimawandel und Nachhaltigkeit oder der Frage, für welche Ziele und Zwecke Künstliche Intelligenz eingesetzt werden darf.

Vanessa war bei dieser Recherche eine Ausnahme. Sie hat nämlich frei gesprochen, offen. Und das, obwohl sie selbst weiterhin auf diese Jobs angewiesen ist. Andere haben mehr Beißhemmungen, deutlich mehr. Sie wollen zum Teil nicht mit ihren Klarnamen in einer Zeitschrift genannt werden, auch nicht in einer deutschen, die Medienwelt ist ja sehr klein geworden. Sie müssten sonst befürchten, eingeschüchtert zu werden und letztlich ihren Job zu verlieren. Offiziell darf das nicht passieren. Selbst in den USA, wo der Arbeitsschutz im Vergleich zu Deutschland weiterhin erschreckend schlecht ist, ist es untersagt, Angestellte und Arbeiter wegen ihres »Organizings« vor die Tür zu setzen. Aber es gibt da ja zahlreiche andere Möglichkeiten. Und die wiederum dienen dazu, Signale nach innen und außen zu senden. Die Botschaft: Wenn ihr Euch widersetzt, sind immer noch wir es, die am längeren Hebel sitzen. So ist das in den vergangenen Jahren immer wieder mal passiert. Und trotzdem wächst die Verzweiflung bei Gig-Workern, Lagerarbeitern und Programmierern gleichermaßen – und damit auch ihre Bereitschaft, mutig und aktiv zu werden.

Das Narrativ des Silicon Valley geht eigentlich anders. »Be bold, think outside the box, act like an entrepreneur«, so in etwa lautet es. Wenn die eigenen Festangestellten und Arbeiter, die nur temporär über Subunternehmen für Google & Co. tätig sind, ihre Führungsetagen nun aber auf womögliche Fehlentwicklungen hinweisen, erst leise und intern, dann immer lauter und öffentlich, bleibt von diesem Mantra nicht viel übrig. Dann reagieren die mächtigsten Firmen der Welt erstaunlich dünnhäutig. Die vermeintlich offene, liberale Kultur, die Diskussionen eigentlich zulassen und aushalten müsste, zeigt sich dann wesentlich konservativer, strikter, rigoroser, machtbesessener als es manche Tech Worker zuvor wahrhaben wollten.

Noch ist vieles von dem, was sich da bildet, nur in Ansätzen zu erkennen, in verschiedenen Aktionen und Initiativen. Es würde mich aber sehr überraschen, wenn sich das in absehbarer Zeit nicht zu einer größeren, einflussreicheren Bewegung entwickeln sollte. Der Frust über Big Tech wächst, auch im Silicon Valley.

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