Tech for Good (5): Corona-Drohnen

Um das soziale Leben (und Arbeiten) trotz der physischen Distanz so weit wie möglich aufrecht zu erhalten, werden – so intensiv wie wahrscheinlich noch nie – Technologien eingesetzt. Die Nachfrage wächst an vielen Stellen, auch nach zivilen Drohnen.

Genutzt werden die Fluggeräte etwa als Transportmittel. Sie liefern Corona-Tests, Medikamente, Masken, Unterlagen und vieles mehr aus, was in – üblicherweise – verkehrsreichen Megastädten und vor allem in abgeschnittenen, ländlichen Regionen häufig schneller klappt als per Auto. Auch Lebensmittel und andere Güter können so überbracht werden, ohne dass Menschen miteinander in Kontakt kommen müssen. Hilfreich sind sie zudem beim Überwachen der verhängten Kontakt- und Ausgangssperren. Sie können den öffentlichen Raum überfliegen, nach größeren Gruppen von Menschen suchen und diesen per Lautsprecher Anweisungen geben. Das schützt und entlastet Polizei und Ordner, gerade wenn diese ohnehin unterbesetzt und überarbeitet sind. Außerdem können Drohnen Wasser und Desinfektionsmittel versprühen, um öffentliche Plätze, Gebäude, Straßen und Fahrzeuge virenfrei zu reinigen, die aus Gebieten mit einer hohen Zahl von Infizierten kommen.

In zahlreichen Ländern wird mit diesen Einsatzmöglichkeiten experimentiert, in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Großbritannien, Indonesien, Dubai und – selbstverständlich – China. Die Hersteller dürfte es freuen, wenn ihre Produkte in den Alltag eindringen und so positiv kommentiert werden wie auf dieser industriefreundlichen Seite oder wie beim Weltwirtschaftsforum.

Sehr viel ausgewogener und deswegen lesenswerter aber ist diese Analyse von WeRobotics.

In ihrem Text setzen sich die Autoren mit der Sinnhaftigkeit der oben genannten und weiterer  Anwendungen auseinander. Sie sind, das sagen sie abschließend, natürlich keinesfalls gegen Drohnen-Versuche, um Menschenleben zu retten, die Pandemie einzudämmen oder sie erträglicher zu gestalten. Allerdings erinnern sie daran, dass Forscher und Unternehmen sich an den »Humanitarian UAV Code of Conduct« halten müssen, der Kriterien für den Einsatz von Drohnen in Krisen und Konflikten aufstellt. Und längst nicht alles, was derzeit ausprobiert wird, verspricht eine (schnelle) Lösung für die momentanen Probleme:

1. Wenn es um das Sprühen von Desinfektionsmitteln in öffentlichen Räumen geht, so liegen kaum Belege über die Wirksamkeit vor. Meist ist die Methode zu ineffektiv. Vielmehr können daraus gesundheitliche Probleme und Gefahren für die Umwelt resultieren. Bei fahrenden Robotern, die in Innenräumen arbeiten, mag das anders aussehen, aber auch hier fehlt es noch an belastbaren Erkenntnissen.

2. Der Transport von Medikamenten, Masken und anderen lebensnotwendigen Artikeln mag schlüssig und leicht klingen, aber er benötigt häufig mehr Zeit und Vorbereitung als angenommen. Die Infrastruktur muss aufgesetzt werden, längst nicht überall sind Drohnen-Piloten für diesen Job trainiert, und eine Flugerlaubnis stellen die Behörden meistens auch nicht so schnell aus. Außerdem geht es privaten Firmen, die den Service anbieten, immer auch um ihr Geschäftsmodell. Konkret: Vereinzelte Menschen, die in entlegenen, ländlichen Regionen leben, mögen einen hohen Bedarf haben – für Unternehmen ist das aber keine lukrative Zielgruppe. Sie konzentrieren sich zuerst und vorzugsweise auf dichter besiedelte Gegenden.

3. Drohnen, die zur Überwachung losgeschickt werden, sind mit Kameras, zum Teil auch mit thermischen Kameras und Nachtsichtgeräten ausgerüstet. Die rechtlichen Fragen dahinter sind oft nicht geklärt, schon gar nicht in allen Ländern. Außerdem stellt sich für Menschen am Boden, denen sich eine solche Drohne nähert, die Frage, woran sie erkennen können, dass es sich um eine Polizei-Drohne handelt. Von wem und mit welchem Recht werden sie also gerade aufgefordert, wieder nach Hause zu gehen? Ungeachtet dieser Bedenken hat Frankreichs Regierung 651 Überwachungsdrohnen gekauft. Und in Malaysia schenkte ein Hersteller der Polizei einfach Drohnen im Wert von einer halben Million US-Dollar. Auch ein Weg, das eigene Produkt zu promoten.

4. Um Anweisungen über fliegende Lautsprecher zu verbreiten, muss man keine Drohnen einsetzen, sagen die WeRobotics-Autoren. Radio, Internet, Fernsehen, umherfahrende Laster – es gibt viele Alternativen, um die Bevölkerung zu informieren. Zumal sprechende Drohnen, die auf einen zugeflogen kommen, leicht einschüchternd wirken können. Interessant: Die Reaktionen auf die Drohnen sind längst nicht überall gleich. Während in China Rentner gehorchten und in ihren Wohnungen verschwanden und erste Drohnen in Indien – mit Polizeisirenen ausgestattet – recht effektiv gewesen sein sollen, kam es in anderen Ländern zu – nicht erwünschten – Gruppenbildungen. Menschen sahen die Flugobjekte über ihren Köpfen, staunten, machten Fotos und scherten sich sonst nicht weiter um die Ansagen. Wieder andere stellten fest, dass die Fluggeräusche der Drohne die Lautsprecherdurchsagen übertönten.

5. Vereinzelt wurden Drohnen auch für Fiebermessungen getestet. In diesem Video ist ein Pilot zu sehen, der sie mit seiner Fernbedienung in ein höher gelegenes Stockwerk fliegt, um dort einen am Fenster stehenden Mann zu scannen. Allerdings ist völlig unklar, ob diese Methode funktioniert, von einem fliegenden Objekt aus, mit mehreren Metern Abstand. Universitäten und Firmen arbeiten daran, allerdings weisen ernstzunehmende Akteure darauf hin, dass es wesentlich mehr als eine thermische Kamera braucht, um Fieber messen zu können. Abgesehen von den rechtlichen Fragen, die das Erheben, Sammeln und Auswerten von persönlichen medizinischen Daten mit sich bringt.

6. Nicht ganz neu ist die Möglichkeit, Drohnen fürs Kartieren einzusetzen. In Katastrophengebieten wird das gemacht, wenn alle vorigen Karten hinfällig geworden sind. In einem Ort Indiens stehen der Polizei jetzt Heat Maps aus der Luft zur Verfügung, die die Bevölkerungsbewegungen abbilden. Die auswertenden Polizisten können sich aus der Entfernung  also grafisch die Dichte einzelner Straßenzüge anzeigen lassen und daraus Schlüsse ziehen, wie sie Verkehre leiten, welche Straßen gesperrt werden sollten etc.


Dieser Blogpost ist Teil einer Serie, in der ich Ideen, Gründer, Initiativen und Unternehmen vorstelle, die versuchen, mit digitalen Technologien den Klimawandel aufzuhalten und die globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Mehr zum Hintergrund habe ich auf dieser Seite aufgeschrieben.

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