Tech for Good (3): Mit KI gegen Menschenhandel

Menschenhändler hinterlassen Spuren. Um Geld zu machen, bieten sie ihre Opfer – etwa für Sex – im Internet an, mit Fotos, Beschreibungen, Orten. Das Problem: Der Daten-Overload ist gewaltig. Ermittler brauchen sehr viel Geschick, Zeit und Glück, um die Daten von vermissten und verschleppten Kindern und Frauen mit den Angaben im Netz, die häufig versteckt werden, in Übereinstimmung zu bringen. Bislang haben sie sich häufig ausgedruckte Fotos neben ihren Monitor gehängt und diese mit den Ergebnissen verglichen, die sie im Netz finden konnten. Es ist offensichtlich, dass sie diesen Kampf manuell nicht gewinnen können.

Programmierer automatisieren diese Suche deshalb. Sie lassen Maschinen durchs Web pflügen, Fotos von Inseraten sammeln und vergleichen, nicht nur Porträts von Menschen. Sie können auch dann Alarm schlagen, wenn beispielsweise ein Hotelzimmer mehrfach in Bildern auftaucht, weil es – womöglich – als immergleicher Tatort verwendet wird.

Die Amerikanerin Emily Kennedy wurde mit 16 auf das Problem aufmerksam, als sie durch Osteuropa reiste, um nach Mazedonien zu fahren. Sie verstand zunächst nicht die Verzweiflung der Kinder, die ihr Auto reinigen wollten, wenn Emily an einer Ampel hielt. Ein Freund erklärte ihr dann, dass sie wahrscheinlich entführt wurden und nun von ihren Peinigern der russischen Mafia zur Kinderarbeit gezwungen werden.

Die Software, die sie ein paar Jahre später in ihrer College-Abschlussarbeit entwickelt hat, heißt »Traffic Jam«. Sie ist das Kernprodukt ihrer universitären Ausgründung »Marinus Analytics«, bei der sie sich  Vorstandschefin und Aktivistin zugleich ennt. Im Jahr 2018 half ihre Gesichtserkennung nach eigenen Angaben in Großbritannien, Kanada und den USA dabei, 3000 Fälle aufzuklären, bei denen Frauen zur Prostitution gezwungen wurden.

Die Berkeley Absolventin Rebecca Portnoff hat das gleiche Ziel, konzentriert sich aber nicht auf Fotos, sondern auf wiederkehrende Auffälligkeiten in den Texten der Anzeigen, gewissermaßen auf die »Handschrift« der Täter. Wer schreibt, folgt einem individuellen Stil- und Rhetorikmuster. Sie greifen auf bevorzugte Ideen, Themen und Formulierungen zurück wenn sie einen Text oder eine Geschichte schreiben. Den meisten ist das nicht bewusst und das macht sich Rebecca zunutze, da identische Absender häufig variierende Namen, E-Mail-Adressen etc. verwenden. Sie sucht nach den Mustern in Satzbau und Sprache und verknüpft die gefundenen Postings miteinander. Getestet hat sie ihren Algorithmus an Inseraten, die von tausenden Schreiber*innen verfasst wurden – und laut eigener Angabe funktioniert ihr Code sehr präzise.

Portnoff arbeitet inzwischen bei dem Non-Profit-Unternehmen Thorn, das es sich zum Ziel gesetzt hat, Missbrauch von Kindern mit digitalen Mitteln aufzuspüren. Thorn wird u.a. von Demi Moore und Ashton Kutcher finanziert und von Intel technologisch unterstützt, und deren Geld und die Aufmerksamkeit, die sie dadurch bekommen, sind immens wichtig. Denn, so erklärt es Thorn-Gründerin Julie Corduo in einem Ted-Talk: Ende der 1980er-Jahre war Kinderpornografie, die immer auf dem zum Teil hundert- oder tausendfachen Missbrauch einzelner Kinder basiert, aufgrund von Ermittlungen und neuer Gesetze fast nicht mehr existent. Dann aber kam das Internet auf. Und die Zahl der Fotos, Videos, Chats und versteckten Seiten »explodierte«. Die vielfältigen Kanäle und Wege, die eigene Identität zu anonymisieren, machen es vielfach möglich, im Dunklen zu agieren. Mit Künstlicher Intelligenz soll ihnen jetzt das Handwerk gelegt werden.

Corduos Mission ist es, nicht nur mit den Behörden zusammenzuarbeiten, sondern auch mit den Unternehmen, die die digitalen Plattformen, Chatforen, Social-Media-Kanäle etc. betreiben. Denn dort, auf den beliebtesten Portalen, auf denen andere alte Schulerinnerungen oder Katzenvideos austauschen, teilen Kriminelle Aufnahmen von Kindern. Corduo arbeitet deshalb daran, dass sie selbst ihre Server durchgehend scannen und, sobald verdächtiges Material auftaucht, Alarm schlagen. Noch machen längst nicht alle mit, sagt sie. Das Geld für die Technologie hätten sie aber allemal.


Dieser Blogpost ist Teil einer Serie, in der ich Ideen, Gründer, Initiativen und Unternehmen vorstelle, die versuchen, mit digitalen Technologien den Klimawandel aufzuhalten und die globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Mehr zum Hintergrund habe ich auf dieser Seite aufgeschrieben.

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