Tech for Good

Mit Erfindungen gingen immer schon Heilsversprechen einher, und beim Internet, dem auffälligsten Zeichen unserer alltäglichen Digitalisierung, war das lange nicht anders. Es würde, so hieß es vielfach, die politischen Prozesse öffnen und weiter demokratisieren, zu mehr Teilhabe einladen, Kleinstunternehmern neue wirtschaftliche Perspektiven eröffnen, Minderheiten stärken, unseren Konsum dematerialisieren.

Davon ist wenig in Erfüllung gegangen. Stattdessen dominieren negative Erfahrungen und Dystopien die Debatten. »Hate Speech«, »Deep Fakes«, Gesichtserkennung, manipulierte Wahlen, digitale Überwachung, Cyberangriffe, staatliche Hacker, Maschinen, die Arbeitsplätze vernichten. Und die Gewinner, die Plattformkonzerne, zahlen kaum Steuern und vereinen den Großteil der Macht auf sich.

Trotzdem passiert gerade etwas Interessantes. Im Windschatten dieser vielschichtigen Ernüchterung, die häufig als »Techlash« bezeichnet wird, entsteht eine zweite Welle. Immer mehr Techies wollen nicht Teil des Problems sein, sondern Teil der Lösung. Sie wollen die Technologien der Vierten Industriellen Revolution wie Künstliche Intelligenz, Blockchain oder das Internet der Dinge nutzen, um den Klimawandel zu stoppen und die damit verknüpften ökologischen und sozialen Probleme, die auch von den UN-Nachhaltigkeitszielen (»Sustainable Development Goals«) ins Visier genommen werden, zu lösen.

Werden sie erfolgreich sein? Ganz ehrlich: keine Ahnung.

Einiges spricht dagegen. Beispielsweise wachsen der Ressourcen- und der Energieverbrauch immens. Nicht so drastisch, wie es der französische Think Tank The Shift Project in einer vielzitierten Studie zum Streaming behauptet hat (hier ist der korrigierende Faktencheck); exakte Zahlen zu bekommen und zu ermitteln ist für die Wissenschaftler schwer. Aber: Wenn jede Minute bei Youtube 500 Stunden Video hochgeladen werden, wenn 5G noch mehr Sendemasten als bisher benötigt und den Datenaustausch in die Höhe treibt, wenn Blockchain und Künstliche Intelligenz – die beide als nicht sonderlich energiesparend bekannt sind – mehr und mehr Anwendung finden, wenn unsere Mobilität zunehmend elektrisch und autonom wird … dann ist die Richtung eindeutig. Stand jetzt kann all das nur zu noch größeren Reboundeffekten führen als wir bislang gesehen haben. Einerseits.

Andererseits betonen immer mehr Wissenschaftler, Institutionen, Politiker und Berater seit kurzem, dass es geradezu zwingend ist, die neuen digitalen Möglichkeiten für den Umbau unserer Gesellschaft zu nutzen:

Weil das alles ganz schön abstrakt ist, will ich in einer Serie konkrete Beispiele vorstellen. Ich will kleine und große Ideen skizzieren, von Einzelkämpfern, Unternehmen, Initiativen oder NGOs. Meine Auswahl wird unvollständig und subjektiv sein und ich kann nicht garantieren, dass es nicht doch irgendwo Haken gibt, die ich übersehe und die dazu führen, dass mal ein Vorhaben scheitert. Aber über die Projekte, von denen es inzwischen viele gibt, will ich rausfinden, was da gerade passiert. Ob die Hoffnung auf eine andere Zukunft durch sie berechtigt ist und was die digitale Disruption des Nachhaltigkeitssektors bewirkt.

Los geht’s mit drei Beispielen, die zeigen, was man mit der Digitalisierung noch machen kann (außer Kühlschränke oder Vibratoren ans Internet anzuschließen):

  • Rainforest Connection: Wie der US-Amerikaner Topher White Regenwälder mit ausrangierten Handys vor der Abholzung bewahrt.
  • Tape Stories: Warum die Organisation Peta einen Alexa-Skill programmiert hat, um Menschen für Tierrechte und einen veganen Lebensstil zu sensibilisieren.
  • Mit KI gegen Menschenhandel: Wie Aktivisten versuchen, den Tätern mit dem automatisierten Verknüpfen von Daten auf die Spur zu kommen

Diese Liste wird in unregelmäßigen Abständen erweitert. Wer mehr über die Zusammenhänge zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit lesen und einen Überblick bekommen möchte, dem empfehle ich außer den bereits genannten Quellen folgende Bücher und Links:

  • Smarte, grüne Welt? – Die Autoren Tilman Santarius, Forscher der TU Berlin für Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation, und Steffen Lange, Ökonom am IÖW, erklären allgemeinverständlich, wo die Probleme liegen und plädieren u.a. für digitale Suffizienz und eine »sanfte Digitalisierung«. Oekom, 2018, 268 Seiten, 12-15 Euro.
  • Der blinde Fleck der Digitalisierung – »Wie sich Nachhaltigkeit und digitale Transformation in Einklang bringen lassen«, so lautet der Untertitel. Nach dem Lesen kommt man eher zum Schluss, dass genau das nicht geht, aber Techniksoziologe Felix Sühlmann-Faul und Stephan Rammler, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung Berlin, zeigen auch, in welche Richtung es gehen muss. Oekom, 2018, 232 Seiten, 18-22 Euro. Meine Besprechung gibt’s hier.
  • Daten – das Öl des 21. Jahrhunderts? – Autor Malte Spitz, grüner Digitalpolitiker und Aktivist, ist auf Spurensuche und Interviewreise gegangen, um rauszufinden, welche Bedeutung Daten künftig spielen werden. Und wie man die Datenwirtschaft gemeinwohlverträglich lenkt. Wozu er dringend rät. Hoffmann & Campe, 2017, 248 Seiten, 16 Euro. Meine Besprechung gibt’s hier.
  • Tonspur N – Roman Mesicek und Annemarie Harant haben 2018/19 zwölf Folgen ihres Podcasts dem Thema Digitalisierung und Nachhaltigkeit gewidmet – und unter anderen mit Constanze Kurz, Katharina Nocun, Lorenz Hilty und Cathleen Berger gesprochen. Die Übersicht aller Episoden findet man hier.
  • Niklas Jordan – »I’m just a nice guy who fights for more responsible use of technology», sagt der Schweriner Webentwickler über sich – und er kämpft zum Beispiel bei Vortragsbühnen wie beim Chaos Computer Club, wo er Ende 2019 sprach. Und er verschickt einen (mehr oder weniger) monatlichen Newsletter, in dem er Dinge sammelt, die ihm zum Thema auf- und einfallen. Anmelden kann man sich hier.
  • Tech for Good – Wer einen internationalen Blick bekommen möchte: In diesem Newsletter und in dieser LinkeIn-Gruppe gibt es neben Terminen und Jobangeboten, die für deutschsprachige Leser*innen eher selten interessant sein werden, nützliche Hinweise auf Artikel und Diskussionen.